Kierkegaard, Sören Aabye – Über Mystiker

Meiner Meinung nach kann man den Mystiker von einer gewissen Zudringlichkeit in seinem Verhältnis zu Gott nicht freisprechen. Daß ein Mensch Gott lieben soll von ganzer Seele und mit seinem ganzen Denken, ja, daß er es nicht nur soll, sondern daß es die Seligkeit selbst ist, es zu tun, wer wollte das leugnen? Daraus folgt jedoch keineswegs, daß der Mystiker das Dasein, die Wirklichkeit, in die Gott ihn gesetzt hat, verschmähen soll; denn damit verschmäht er eigentlich Gottes Liebe oder fordert einen anderen Ausdruck für sie, als den Gott ihr geben will. Hier gilt das ernste Wort Samuels: Gehorsam ist Gott lieber als das Fett der Widder. Aber diese Zudringlichkeit kann zuweilen eine noch bedenklichere Gestalt annehmen. Wenn etwa ein Mystiker sein Verhältnis zu Gott darauf gründet, daß er eben der sei, der er ist, sich auf Grund irgendeiner Zufälligkeit als Gegenstand der göttlichen Vorliebe sieht. Hiermit entwürdigt er nämlich Gott und sich selbst. Sich selbst, denn es ist immer eine Entwürdigung, durch irgend etwas Zufälliges wesentlich von andern verschieden zu sein; Gott, denn er macht ihn zu einem Götzen und sich selbst zu einem Günstling an dessen Hof.

Was mir an dem Leben eines Mystikers ferner unangenehm ist, das ist die Weichheit und Schwäche, von der man ihn nicht freisprechen kann. Daß ein Mensch in seinem innersten Herzen vergewissert sein möchte, er liebe Gott in Wahrheit und Aufrichtigkeit, daß er sich manchmal veranlaßt fühlt, sich dessen so recht zu vergewissern, daß er Gott bitten kann, seinen Geist Zeugnis geben zu lassen seinem Geist, daß er es tut, wer wollte das Schöne und Wahre darin leugnen? Hieraus aber folgt keineswegs, daß er diesen Versuch jeden Augenblick wiederholen, jeden Augenblick die Probe auf seine Liebe machen wird. Er wird Seelengröße genug besitzen, um an Gottes Liebe zu glauben, und dann wird er auch die Freimütigkeit haben, an seine eigene Liebe zu glauben, und fröhlich in den Verhältnissen bleiben, die ihm zugewiesen sind, eben weil er weiß, daß dieses Bleiben der sicherste Ausdruck ist für seine Liebe, für seine Demut.

Endlich mißfällt das Leben eines Mystikers mir, weil ich es für einen Betrug an der Welt halte, in der er lebt, einen Betrug an den Menschen, mit denen er verbunden ist oder zu denen er in Beziehung treten könnte, wenn es ihm nicht gefallen hätte, Mystiker zu werden. Im allgemeinen wählt der Mystiker das einsame Leben, aber damit ist die Sache nicht klar; denn die Frage ist, ob er es überhaupt wählen darf. Sofern er es gewählt hat, betrügt er andere nicht, denn er sagt damit ja: ich wünsche keine Beziehungen zu euch; die Frage aber ist, ob er es überhaupt sagen, es überhaupt tun darf.

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