Gellert, Christian Fürchtegott – Von guter und schlechter Lektüre

Gellert, Christian Fürchtegott – Von guter und schlechter Lektüre

Ich halte das Lesen der alten römischen und griechischen Schriftsteller für nothwendig zum Geschmack und zur wahren Gelehrsamkeit; aber das Lesen der alten Philosophen kommt mir gefährlich vor, weil es eher stolz als weise und gut machen kann. Ihre Sittensprüche sind vortrefflich und bereden das Herz, daß es auch von selbst vortrefflich werden könne. Der Verstand freut sich über die Tugend, die sich der Mensch selbst geben kann; aber das Gewissen widerlegt sehr bald das stolze System, wenn das Herz versucht, durch eigene Kraft fromm zu werden. Warum unterlassen so viele junge Leute das Gebet, gutgesinnte junge Leute, wenn sie nicht heimlich glauben, daß sie sich selbst zur Tugend genug sind? Es ist eine elende Scham, wenn man sich höherer Hülfe schämt. Sie wollen dem Geiste Gottes, der unser Herz ändern und heiligen muß, diese Ehre nicht lassen, um sie selbst zu verdienen, richten das Reich einer eiteln Selbstzufriedenheit in sich auf, glauben sich beherrschen zu können, fallen in Sicherheit, und daraus in Laster, die der Jugend so gefährlich sind.

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