Otto Funke – Kritikgeist und Liebesgesinnung

Legion ist die Zahl derer, die überall nur zu kritikastern, zu nörgeln und zu mäkeln wissen, die mit schauerlichem Scharfsinn an allen Menschen und Menschenwerken die schlechte Seite herauszufinden wissen. O wer etwas von diesem dämonischen Genie, von dieser lieblosen Menschenkenntnis in sich trägt, der trete ritterlich ein in den täglichen Kampf gegen diesen bösen Geist und lasse nicht ab, bis er ihn ausgetrieben hat. Sonst wird ihn einmal zermalmen das Wort: „Mit dem Maß, womit du missest, wird dir gemessen werden.“

Göttlich und also auch menschlich und also erst recht christlich ist es, alles zum Besten zu kehren, bei jedem Ding, solange es irgend möglich, die gute Seite herauszufinden, an jedem verkommenen Menschen so lange herumzusuchen, bis man endlich eine weiche Stelle findet, wo er noch für Liebe und Wahrheit empfänglich ist, den schlechtesten Handlungen gegenüber, wenn auch nicht eine Entschuldigung, so doch eine mildernde Erklärung zu suchen. Unser Heiland als der König der Liebe verstand diese Kunst aller Künste wie kein anderer, das versteht sich. So deckt er die Ehebrecherin mit seinem Liebesschild und treibt doch zugleich den Haß gegen die Sünde in ihr Herz hinein. So kann er, zertreten von der Menschheit, die niemals so sündigte wie jetzt, dennoch etwas zu Gunsten der Menschen sagen: „Sie wissen nicht, was sie tun“ und er macht daraus den Schluß, daß sie noch für die Gnade fähig und also nicht reif seien für das verderbende Gericht.

Die Liebe der Jünger Christi kommt der des Meisters nicht gleich. Sie ist abgeleitet und in unreine Kanäle hineingeleitet. Aber sie ist doch auch abgeleitet in ihre Herzen, und eine Ähnlichkeit des Christussinnes muß sich bei ihnen finden lassen, gleichviel, welches Temperament sie von Natur aus haben. Die natürliche Milde, Güte und Freundlichkeit des Herzens ist ja ohne Zweifel eine köstliche Mitgift fürs Leben. Es ist aber große Gefahr vorhanden, daß sie zur Weichlichkeit, zur charakterlosen Schwäche wird, die schließlich gerade und ungerade, gut und böse nicht mehr zu unterscheiden vermag. Wer aber an den Stufen des Gnadenthrones die Lindigkeit Jesu Christi als himmlische Gnade empfangen hat, der wird mit seiner Liebe heiligen Ernst verbinden, der wird nicht nur die guten Seiten an seinen Mitmenschen entdecken, sondern auch die schlechten. Und er wird sie nicht nur entdecken, sondern auch ehrlich aufdecken, aber mit der Träne des liebenden Mitleides in seinem Auge, mit dem heilenden Balsam in seiner Hand.

Letzthin las ich von einer Dame, die einer Prostituierten nachgegangen war. Dieses unglückliche Mädchen war früher von ihr aufs ernstlichste gewarnt worden. Es hatte alles nichts geholfen. Jetzt fand unsere Samariterin die frühere Dienerin in Samt und Seide und in Verzweiflung und Elend. Was hat ihr nun die Dame gesagt? „O du arme, arme Marie, wieviel Mühe machst du deinem Heiland, dich zu retten; wieviel Schmerzen machst du dir selbst, ehe du zur Freude Gottes kommst! Du hast immer nach Liebe gehungert und hast sie nur auf falschen Wegen gesucht. Aber jetzt ist deine Stunde gekommen, wo du Jesusliebe finden sollst.“  Und sie nahm die Tiefgefallene mütterlich an die Hand, und diese ließ sich führen, und bald konnte man singen und sagen: „ Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden!“

Diese Frau war in den Fußstapfen Christi. Es ist keine Frage: Einfluß auf das Menschenherz, dauernden, veredelnden, überwindenden Einfluß haben nur diejenigen Menschen, die davon tief durchdrungen sind, daß die himmlische Liebe allmächtig und daß jedes Herz für diese allmächtige Liebe empfänglich ist, und die nun an den erstarrten Herzen das Türlein suchen, dadurch der Liebes-Sonnenschein hereinfallen kann. Das müssen sich alle Seelsorger, ja alle Pädagogen in der ganzen Welt merken. Die scharfsinnigen Kritikaster, die lieblosen Nörgler mögen an Holz und Stein, allenfalls noch an Katzen, Hunden und Affen ihre Versuche machen. Menschenherzen sindf ür ihre Künste zu schade.

Hugo von St. Victor: Liebe

Die Liebe erleuchtet die Vernunft, reinigt das Gewissen, erheitert das Herz; die Liebe zeigt Gott. Eine Seele, in der die Liebe wohnt, wird vom Stolze nicht aufgeblasen, vom Neide nicht verzehrt, vom Zorne nicht zerrissen, vom Geize nicht verblendet; immer ist sie rein und keusch, ruhig und fröhlich, friedlich, gütig und bescheiden. In wem Gottes Liebe wohnt, der denkt immer, wie er die Welt verlassen, wie er zum Himmel gelangen, wie er den wahren Frieden finden könne. Mag er gehen, mag er sitzen, mag er wirken, mag er ruhen, mag er thun, was er will, sein Herz bleibt bei Gott. Schweigend gedenkt er Gottes, redend wünscht er nichts anderes als von Gott und Gottes Liebe zu reden. Alle ermahnt er zur Liebe und Allen empfiehlt er die Liebe, Allen beweist er nicht bloß mit Worten, sondern auch mit der That, wie süß die Liebe Gottes und wie bitter und trübe die Liebe der Welt ist. Er verlacht dieser Welt Pracht, schilt ihre Sorge, zeigt, wie thöricht es ist, auf vergängliche Dinge zu vertrauen. Er staunt über die Blindheit der Menschen, die Solches lieben, er meint, daß Allen süß sein müßte, was ihm schmeckt, daß Alle sehen müßten, was er sieht. So komm denn, du selige Liebe, auch zu uns, mache unsere Sehnsucht weit, mache unser Herz breit, daß es Gott als Gast und Bewohner in sich aufnehmen kann.

Hugo von St. Victor: Liebe

Es ist etwas Großes um die Liebe. Es verliert, was er lebt, wer nicht liebt. Wo die Liebe eintritt, da gewinnt sie alle andern Empfindungen und nimmt sie gefangen. Die Liebe genügt und gefallt um ihrer selbst willen, sie ist Verdienst und Lohn, Same und Frucht zu gleicher Zeit. Die Liebe macht aus zweien Einen Geist, bewirkt, daß sie dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen. Die Gott liebende Seele wird von Sehnsucht getragen und gehoben, sie schwingt und stiehlt sich gleichsam aus dem Körper heraus, wenn sie seine unaussprechliche Güte kostet. Die Liebe vergißt Ansehn und Würde, und weiß nichts von Verdiensten. Die Liebe giebt Vertrautheit mit Gott, die Vertrautheit Kühnheit, die Kühnheit Genuß, der Genuß Verlangen. Die Liebe weckt‘ die Seele aus dem Schlafe, mahnt und erweicht sie und verwundet das Herz. Die Liebe erhellt das Dunkle, öffnet das Verschlossene, erwärmt das Kalte, besänftigt den rauhen, zornbegierigen und ungeduldigen Sinn, vertreibt die Laster, unterdrückt fleischliches Gelüst, bessert die Sitten. Das Alles thut die Liebe, wann sie da ist; weicht sie aber, so wird die Seele lau und schlaff, gleich als wenn man einem kochenden Geschirr das Feuer entzieht.