Holl, Karl – Übers Gebet

An zwei Dingen hängt alles: am Gebet und an der Liebe. Das sind die tiefsten Kräfte, die den Menschen umbilden, je treuer er sie übt. Wirkliches Beten will gelernt sein. Und man lernt es nicht vom Bitten, sondern vom Danken aus. Es gibt Augenblicke, in denen Gottes Güte uns besonders nahe tritt. Jeder, der sein Leben überdenkt, weiß das. Da lüftet sich etwas wie ein Schleier. Solche Eindrücke muß man festhalten. Als neueer Mensch kommt man aus jedem Dankgebet heraus. Diese hellen Punkte sind und bleiben die Lichtquellen, von denen aus sich das Dunkel hebt. – Die Augenblicke des Stehenbleibens vor Gott sind die, wo man Kraft schöpft, wo man Atem holt aus der jenseitigen Welt. Sich an Gott halten heißt atmen in Gott, in jedem Augenblick wissen, daß man zu ihm gehört und unter ihm steht.

Immanuel Gottlieb Kolb – Vom Gebet

Im Anfang, wenn der innere Mensch noch schwach ist, will auch das Beten noch nicht recht gehen; dann ist es wie bei einem Pumpbrunnen, wo das Wasser mühsam heraufgebracht werden muß. Nach und nach geht es etwas leichter, daß es wie ein laufender Brunnen von selbst fließt; und eindliich wird das Beten zum dringenden Bedürfnis, so daß es springbrunnenartig aufwärts steigt.

Gerhard Tersteegen – Über viele Worte

Betet viel und redet wenig. Der Schwätzgeist ist eine Zerstörung aller christlichen Zusammenwohnungen, eine Auslöschung der Andacht, eine Verwirrung der Gemüter, eine Verschwendung der Zeit, eine Verleugnung der göttlichen Gegenwart. – Viele Worte sind ein Zeichen meist von einem noch zerstreuten Geist: Wer Gott kommt nah, der lernet schweigen und sich in stiller Ehrfurcht beugen.

Sixtus Karl Kapff – Das Gebet

Das Gebet ist die Himmelfahrt des Geistes. Wie der Sohn Gottes sichtbar gen Himmel gefahren, so soll ein Kind Gottes täglich sich erheben dahin, wo er ist. Darum müssen wir austreten aus der Welt und dem, was in der Welt ist, uns emporschwingen über die Erde und auch ihren Staub von unsern Füßen schütteln. So entfesselt und frei kann der Geist aufsteigen zu seiner Heimat und sehen das Antlitz seines Vaters im Himmel. Aber nur im Sohn sehen wir den Vater; denn ohne den Sohn müssen wir sterben in unseren Sünden und zittern und beben vor dem Richter. Der Sohn allein ist der Weg zum Himmel und die Wahrheit und das Leben des Geistes. So ist zum Gebet das erste, daß wir Jesum Christum vor Augen und im Herzen haben. Das heißt beten: reden mit Jesu und durch ihn mit dem Vater, reden wie ein Kind über alles, was uns bewegt, über das Kleinste wie über das Größte, denn vor Gott ist nichts klein, das Kleine ist vor ihm groß und das Große klein.

Isaac Watts – Über das Gebet

Es gibt wahrhaftig etwas wie ein Gespräch mit Gott im Gebet, und das ist die Freude und das Leben einer frommen Seele; ohne das Gebet sind wir keine Christen, und der, der es am meisten übt, ist der beste Nachfolger Christi; denn unser Herr selbst verbrachte viel Zeit im Gespräch mit seinem himmlischen Vater. Dies ist Balsam für die kranken Seelen.

Johann Institor – Anweisung zum Gebet

Bitte den Herrn nur darum demüthig, daß er dich nicht in geistlicher Dürre und Finsterniß verderben lasse, und sei sonst nicht bekümmert, was sich dir in der Zukunft ereignen könne. Denn dein Vater wird für dich in allen Stücken sorgen; er wird dir zu seiner Zeit Noth und Kämpfe senden, aber wenn es ihm gut dünkt, auch unerwarteten Trost. Er hat uns von Ewigkeit geliebt und bis hieher geholfen, wie sollte er jemals unserer vergessen, oder etwas geschehen lassen können, das nicht zu unserm Heile diente? So wollen wir ihm denn mit guter Zuversicht Glück und Unglück anheimstellen, und nur darum bitten, daß er uns vor Sünden bewahre.

Geiler von Kaysersberg – Gebet

Das Gebet wirkt Zweierlei in dir. Erstens zerstreut es den Nebel, der das Haupt der Seele, die Vernunft, umhüllt und verfinstert hat, daß sie nicht aufschauen kann zu Gott dem Herrn; es schärft deinen Verstand und erfrischt dich mit lebendiger Hoffnung. Zweitens stärkt es den Willen zu allen Tugenden, daß du fromm und willig wirst, viel zu leiden, wenn es Gottes Wille ist. Es giebt keine kräftigere Arznei wider allen Mangel und alle Anfechtung, als ein andächtiges und herzliches Gebet.

Geiler von Kaysersberg – Gebet

Wenn dir Himmel und Erde zu eng ist, wenn du nirgends dich ruhig anlehnen und halten kannst, wenn du in dem heißen Ofen der Anfechtung sitzest, so gieß aus zu Gott ein andächtiges, reines, inbrünstiges Gebet aus der Tiefe deines Herzens. Dann wird dir Gnade und Geduld gegeben werden, daß du ausharren magst, dann wird kühler Himmelsthau auf dich herabfallen, der die grimmige Hitze löscht, der Seelen Angst und Betrübniß mildert.