Bernhard von Clairvaux – Demut

Der Fromme ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen. Wo fließen die Bäche? In Niederungen und Thälern. So wähle auch du ein Thal zu deinem Wandel, ein Thal zu deiner Pflanzung. Auf den Bergen ist es dürr und hart, auf den Bergen hat die alte Schlange ihre Wohnung genommen. In den Thälern ist es fruchtbar und frisch, da gedeihen die Bäume, da prangen volle Aehren, da erndtet man hundertfältig. In das Thal der Demuth läßt Gott alle seine Gnade fließen, und darum bleibe fest in ihr gewurzelt und gegründet.

Friedrich Arndt – Demut

Die wahre Demut weiß nicht, dass sie demütig ist. Wie das Auge alles sieht, nur sich selbst nicht, so weiß auch die Demut nimmer, dass sie demütig ist; wüsste sie es, so möchte sie hochmütig werden beim Anblick dieser schönen Tugend. Sie weiß nur um das, was ihr fehlt; nicht um das, was sie hat.

Hermann Bezzel – Christus: Der Knecht Gottes

Kraft wird im Geringen vollendet. Das ist die eigentliche Lösung des Lebensgeheimnisses des Herrn Christus. Kraft wird im Geringen vollendet, darum hat er auf eine geringe Zahl von Jahren, von denen eigentlich nur drei uns näher bekannt sind, in einer ungemein geringen Zahl von Worten, von denen uns die wenigsten nur überkommen sind, in einer geringen Zahl von Wundern seine ganze Heilandsgröße eröffnet und erfüllt, weil wir es eben wissen müssen: das Geringe, das Unscheinbare und Beschränkte ist sowohl die Konzentrierung als die Kondensierung seiner göttlichen Kraft. Er hat auf einen Punkt sein ganzes Sein gesammelt; und indem er so das Ganze auf einen Punkt sammelte, hat er das Größte im Kleinsten gegeben.

Jakob Vetter – Von der Demut.

Wer in Gott seine Ruhe finden will, der muß diese Gnade der Demut und Sanftmut empfangen. Wer sich nicht der Demut befleißigt, bleibt in der Unruhe und wird nie in seinem Gott sein Lebenselement finden. Ein Knecht Gottes sagte einmal: „Die Demut ist das Fundament aller Tugend und der sicherste Weg zum ewigen Heil. Niemand schäme sich der Demut; denn dadurch wird er dem König an Ehre ähnlich. Ohne Demut arten alle andern Tugenden in Untugenden aus.“ — Was ist Demut? Im Hebräischen kommt Demut von Leiden, wenn einem der „Hohe Mut“ (Hochmut) gebrochen; im Griechischen von „niedrig gesinnt sein“. Der Demütige hat keine hohen Gedanken mehr, er unterwirft sich seinem Gott.

Jakob Vetter – Wie bekommt man die Demut?

Sie ist vor allem ein Gnadengeschenk Gottes. Wer in Gott eingekehrt ist und erfüllt wird mit dem Heiligen Geist, der bekommt dieses Kleinod als eine Frucht des Geistes. Das geschieht durch wahre Buße. Wo die ist, da bereut man gründlich seine Sünden und erkennt seine Unreinigkeit und verborgene Bosheit, ja das ganze Verderben seines Herzens. Ein Mensch, der solche Selbsterkenntnis hat, der unterwirft sich seinem Gott. Er ist willig, allem zu entsagen, damit er Gott findet. Hier wird der böse Geist des Hochmuts überwunden und die Demut geboren. In der Seele entsteht ein großes Hungern und Dürsten nach dieser Gnade. Die Demut kann von Gott nicht lassen. Man muß also Gott inbrünstig lieben, dann begnadigt er uns mit dieser Gabe. Ein alter Heiliger hat gesagt: „Die Liebe ist die Mutter der Demut, und je mehr diese Liebe Gottes in uns zunimmt, desto größer wird der heilige Haß unserer selbst in uns; denn nun lehrt uns diese, wie unrecht wir uns bisher geliebt haben, und wie in Zukunft wir uns lieben sollen. Denn nur dann lieben wir uns echt und wahrhaftig, wenn wir uns vor dem hohen Gott erniedrigen und demütigen.“