Funcke, Otto – Durch das Lamm gerettet

An der schönen alten Abteikirche zu Werden befindet sich oben am Kreuz des Daches, mitten zwischen den andern Steinen, ein steinernes Lämmlein ausgemeisselt, ein einfaches Schäflein, ohne allen weiteren Schmuck, Fähnlein oder andere Beigabe. Mit dem steinernen Schäflein hat es folgende Bewandtnis.

An derselben Stelle, wo jetzt das gemeisselte Schäflein angebracht ist, sass einstmals ein Dachdecker an seiner Arbeit. Der Strick, der seinen Korb hielt, riss entzwei, und er stürzte hinunter in die Tiefe. Zudem lagen, weil an der Kirche gebaut wurde, viele spitze Steine und Felsblöcke umher, was die Gefahr noch erhöhte. Doch der Dachdecker steht heil und gesund auf; auch kein Finger ist ihm gekrümmt.

Und wie wunderbar ward ihm das Leben gerettet! Zwischen den Steinen und Felsstücken weidete ein Schäflein und suchte sich die Grashalme, die unter den Steinen hervorwuchsen. Auf dies Lamm war der Dachdecker gar weich und sanft gefallen. Das arme Tier ward durch den schweren und tiefen Fall des Mannes geradezu zerschmettert. Sein Tod rettete jenem das Leben. Gerührt erkannte das der Dachdecker auch an, und zur Erinnerung daran liess er das Schäflein in Stein meisseln und hoch oben am Kirchendach einsetzen. —

Verstehst du die Bedeutung, die diese wunderbare Lebensrettung für dich und mich hat? Kennst du den Abgrund, in den unsere Sünde uns gestürzt, und das Lamm, das durch sein Sterben uns vor dem Untergang bewahrt hat?

Otto Funke – Bringt der Jugend ein anziehendes Christentum!

Großes Unheil wird oft angerichtet, wenn ältere ernste Christen den jungen Leuten, die noch gar nicht in der Schule Jesu drin sind, die Enthaltungen zumuten, die ihnen selbst vielleicht aufgelegt sein mögen. Man hört es oft sagen, daß gewisse Eltern vergessen, daß sie auch einmal jung gewesen sind. Das ist ja ein sehr schlimmer Vorwurf. Die Herzen der Kinder werden den Herzen der Eltern dadurch entfremdet, wenn die Eltern nicht mit ihnen fühlen. Ja, die jungen Leute werden verbittert, wenn man ihnen das verbietet, was ihre Freude und Wonne ist, oder wenn man ihnen soviel in den Weg legt oder auch die Erlaubnis mit tiefen Seufzern begleitet.

Es versteht sich von selbst, daß die Eltern auch ihren heranwachsenden Kindern nichts erlauben dürfen, was an sich schlecht oder für sie jedenfalls schädlich ist. Aber man soll auch nicht zu schnell etwas schlecht nennen. Auf einer niedrigen Stufe des sittlichen und religiösen Lebens ist manches durchaus gut, was später wegfallen muß. Der Satz des Predigers Salomo: „Alles hat seine Zeit“ könnte in diese Dinge viel Licht bringen.

Durch ein übertriebenes, engherziges, ungeistliches Wesen wird sehr viel geschadet. Wenn das Christentum von der Jugend so angesehen wird, daß es dabei besonders aufs Verbieten und „Spielverderben“ hinauskomme, ja, dann werden wir den jugendlichsten Teil der Jugend nicht bekommen. Es tut wahrlich sehr not, den Herrn Christus als den rechten Freudenmeister und das Reich Gottes als „Friede und Freude im Heiligen Geist“ darzustellen. Echte Jünger Jesu sollen es der Jugend beweisen, daß das Evangelium einen jung erhält, daß es einem einen weiten Blick und ein offenes Herz schafft für alles, was menschlich, groß, lieblich, schön und edel ist.

O ihr Erzieher alle, bleibet jung mit der Jugend oder verzichtet darauf, Erzieher zu sein! Und ihr frommen, ernsten Christen, bleibt Menschen und empfindet mit den Menschen menschlich!

Otto Funke – Kritikgeist und Liebesgesinnung

Legion ist die Zahl derer, die überall nur zu kritikastern, zu nörgeln und zu mäkeln wissen, die mit schauerlichem Scharfsinn an allen Menschen und Menschenwerken die schlechte Seite herauszufinden wissen. O wer etwas von diesem dämonischen Genie, von dieser lieblosen Menschenkenntnis in sich trägt, der trete ritterlich ein in den täglichen Kampf gegen diesen bösen Geist und lasse nicht ab, bis er ihn ausgetrieben hat. Sonst wird ihn einmal zermalmen das Wort: „Mit dem Maß, womit du missest, wird dir gemessen werden.“

Göttlich und also auch menschlich und also erst recht christlich ist es, alles zum Besten zu kehren, bei jedem Ding, solange es irgend möglich, die gute Seite herauszufinden, an jedem verkommenen Menschen so lange herumzusuchen, bis man endlich eine weiche Stelle findet, wo er noch für Liebe und Wahrheit empfänglich ist, den schlechtesten Handlungen gegenüber, wenn auch nicht eine Entschuldigung, so doch eine mildernde Erklärung zu suchen. Unser Heiland als der König der Liebe verstand diese Kunst aller Künste wie kein anderer, das versteht sich. So deckt er die Ehebrecherin mit seinem Liebesschild und treibt doch zugleich den Haß gegen die Sünde in ihr Herz hinein. So kann er, zertreten von der Menschheit, die niemals so sündigte wie jetzt, dennoch etwas zu Gunsten der Menschen sagen: „Sie wissen nicht, was sie tun“ und er macht daraus den Schluß, daß sie noch für die Gnade fähig und also nicht reif seien für das verderbende Gericht.

Die Liebe der Jünger Christi kommt der des Meisters nicht gleich. Sie ist abgeleitet und in unreine Kanäle hineingeleitet. Aber sie ist doch auch abgeleitet in ihre Herzen, und eine Ähnlichkeit des Christussinnes muß sich bei ihnen finden lassen, gleichviel, welches Temperament sie von Natur aus haben. Die natürliche Milde, Güte und Freundlichkeit des Herzens ist ja ohne Zweifel eine köstliche Mitgift fürs Leben. Es ist aber große Gefahr vorhanden, daß sie zur Weichlichkeit, zur charakterlosen Schwäche wird, die schließlich gerade und ungerade, gut und böse nicht mehr zu unterscheiden vermag. Wer aber an den Stufen des Gnadenthrones die Lindigkeit Jesu Christi als himmlische Gnade empfangen hat, der wird mit seiner Liebe heiligen Ernst verbinden, der wird nicht nur die guten Seiten an seinen Mitmenschen entdecken, sondern auch die schlechten. Und er wird sie nicht nur entdecken, sondern auch ehrlich aufdecken, aber mit der Träne des liebenden Mitleides in seinem Auge, mit dem heilenden Balsam in seiner Hand.

Letzthin las ich von einer Dame, die einer Prostituierten nachgegangen war. Dieses unglückliche Mädchen war früher von ihr aufs ernstlichste gewarnt worden. Es hatte alles nichts geholfen. Jetzt fand unsere Samariterin die frühere Dienerin in Samt und Seide und in Verzweiflung und Elend. Was hat ihr nun die Dame gesagt? „O du arme, arme Marie, wieviel Mühe machst du deinem Heiland, dich zu retten; wieviel Schmerzen machst du dir selbst, ehe du zur Freude Gottes kommst! Du hast immer nach Liebe gehungert und hast sie nur auf falschen Wegen gesucht. Aber jetzt ist deine Stunde gekommen, wo du Jesusliebe finden sollst.“  Und sie nahm die Tiefgefallene mütterlich an die Hand, und diese ließ sich führen, und bald konnte man singen und sagen: „ Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden!“

Diese Frau war in den Fußstapfen Christi. Es ist keine Frage: Einfluß auf das Menschenherz, dauernden, veredelnden, überwindenden Einfluß haben nur diejenigen Menschen, die davon tief durchdrungen sind, daß die himmlische Liebe allmächtig und daß jedes Herz für diese allmächtige Liebe empfänglich ist, und die nun an den erstarrten Herzen das Türlein suchen, dadurch der Liebes-Sonnenschein hereinfallen kann. Das müssen sich alle Seelsorger, ja alle Pädagogen in der ganzen Welt merken. Die scharfsinnigen Kritikaster, die lieblosen Nörgler mögen an Holz und Stein, allenfalls noch an Katzen, Hunden und Affen ihre Versuche machen. Menschenherzen sindf ür ihre Künste zu schade.

Otto Funke – Lieblingssünden

Laßt mich noch auf einen sehr wichtigen Punkt hinweisen, ich meine auf die besondere Lieblingssünde. Wenn es nämlich mit dem Kampf gegen das Böse in uns etwas Rechtes werden soll, so darf man nicht dabei stehenbleiben, das Böse insgesamt zu hassen. Auch ist’s nicht genug, ein Register aller möglichen Unarten, auf denen man sich ertappt hat, zu entwerfen. Nein, du mußt die ganz besondere Sünde, an der gerade du krankst, du mußt die Stelle, wo gerade du immer wieder zu Falle kommst, entdecken.

Jeder Mensch ist ein bestimmtes Individuum, eine originaliter ausgeprägte Persönlichkeit, ganz anders wie jede andere in der ganzen Welt. So ist auch das Sündenwesen in jedem Menschen ganz individuell ausgeprägt, gerade wie auch in deinem Körper die Krankheitsstoffe eine bestimmte Gestalt oder Ungestalt angenommen haben. Der eine hat eine schwache Lunge, der andere einen kranken Hals usw., und auf diesen schwachen Punkt wirft sich nun jede Erkältung oder Erhitzung. Genau so ist’s in geistlicher Beziehung. Bei dem einen ist die Eitelkeit, bei dem andern der Geiz, bei dem dritten der Neid, bei dem vierten die Wollust das große Haupttor der Sünde, wodurch sie immer wieder einzieht.

Wenn ich aber sage „großes Haupttor“, so meine ich damit keineswegs, daß man es so leicht sehen könnte. Ja, man könnte schon, wenn man wollte. Aber wer will denn sagen „ich will“, wenn es sich darum handelt, sich selber zu erkennen? Es ist gerade das des Teufels besondere Arbeit, uns zu verblenden, daß wir unsere Lieblingssünden nicht erkennen, und es ist unglaublich, wie manchmal auch christlich-erweckte Leute ihre Schoßsünde nicht kennen, während doch alle Welt davon redet. Wie oft verbirgt sich z. B. die giftige Natter des Hochmutes oder der Eitelkeit in dem Veilchengebüsch der „lieblichsten Demut“! Wie oft zieht der rohe Fanatismus den Eliasmantel des „heiligen Eifers“ an!

Willst du nun wirklich wissen, wo gerade dein inneres Leben krankt, so mußt du vor allen Dingen ehrlich beten: „Erleuchte mich, Herr, mein Licht, ich bin mir selbst verborgen und kenne mich noch nicht!“ Sodann mußt du wachen und ernstlich darauf achten, welches der Punkt ist, von dem aus immer wieder eine Trübung deines Seelenfriedens ausgeht. Also betend und arbeitend wirst du es schon finden.

Und dann? Ja, was dann? Nun, ich denke, wenn ein Feldherr eine belagerte Festung zu verteidigen hat, so wird er ja keinen einzigen Punkt aus den Augen verlieren. Aber er wird doch vor allen Dingen seine Augen gerichtet halten auf den schwächsten Punkt.

Ihn wird er soviel wie möglich zu befestigen suchen. Hier wird er die tapferste Mannschaft hinlegen; denn hier, das weiß er, wird der Feind seinen Hauptangriff machen. Die Anwendung liegt auf der Hand…

Otto Funke – Kannst Du vergeben?

Es ist in der Tat ein schweres Ding um das Vergeben. Es ist aber auch ein großes und mächtiges Ding. Es macht einen gewaltigen Eindruck auf die, die es erleben, wenn der Beleidiger um Vergebung bittet.

Meine seligen Eltern waren beide von sehr lebhafter Art und sehr verschiedenen Temperaments. Auch waren sie in vielen Dingen verschiedener Meinung, so daß es oft heftige Kollisionen gab. Leider auch zuweilen in Gegenwart der Kinder; denn die beiden waren zu lebhaft, um zu warten, bis wir Kinder verschwunden waren.

So geschah es einmal an einem Sonntagmittag bei Tisch, daß mein Vater sagte, er wolle mit uns Jungen einen Spaziergang auf einen Bauernhof machen, wo er als Arzt zu tun habe. Wir waren sehr glücklich über diese seltene Freude; denn Vater benutzte gewöhnlich sein Pferd.

Meine Mutter aber protestierte heftig und forderte, daß wir erst bei Großvater in die öffentliche Kinderlehre gingen, die zwischen drei und vier Uhr stattfand. Vater lachte ein wenig spöttisch und sagte zu unserer Mutter: „Du willst aus den Jungens Pfaffenknechte machen statt tapfere Männer. An diesem Tage, wo unser Herrgott so schönes Wetter gegeben hat, sollen sie ihren Vater und den Himmel genießen, statt sich an den veralteten Dogmen ihres Großvaters zu langweilen.“ Und nun fing er an und machte sich lustig über allerlei Wunderlichkeiten des alten Herrn, die allerdings in seinen sehr hohen Jahren manchen Anstoß boten.

Mutter schnitt ihm mit tieftraurigem Antlitz das Wort ab. „Karl“, sagte sie, „wie kannst du so unrecht tun? Denkst du nicht daran, daß Großvater mein lieber Vater ist, von dem du so redest? Und hast du nicht so oft gesagt, daß er im Grunde der edelste und frömmste Mann von der Welt sei? Und nun die Kinder! – 0 Karl, Karl!“

Jetzt sah ich, wie unser Vater erzitterte und erblaßte. „Liebste Frau“, sagte er und wollte sie umarmen, „ich habe unrecht getan gegen Gott und gegen dich und gegen die Kinder! Ich bitte dich, verzeihe mir!“ Er eilte auf die Mutter zu, und als sie zurückwich, sagte er flehentlich: „Verzeihe mir um des Blutes Christi willen!“

Bald weinten beide, indem sie sich in den Armen lagen.-Diese Szene machte auf uns und jedenfalls auf mich einen erschütternden Eindruck. Daß unser starker, stolzer Vater auch weinen konnte, und noch mehr, daß er sich so beugen konnte, daß er so von Jesus sprach, dessen Name damals noch sehr selten über seine Lippen kam, das wirkte tiefer auf mich als alle Predigten, die wir in der Kirche hörten und die wir doch meist nicht verstanden.

Beide Eltern gingen an jenem Tage mit in die „berüchtigte“ Kinderlehre, und die Mutter ging auch mit auf den Bauernhof, was eigentlich nicht im Programm lag. Und unterwegs zeigte gerade der Vater uns, wie der Großpapa allerlei Beherzigenswertes gesagt habe. Die Bauersleute aber, die wir besuchten, entdeckten, daß wir Knaben sehr nett und ordentlich seien, was man durchaus nicht immer fand.

Auf uns Brüder hatte diese Szene zwischen den Eltern einen so tiefen Eindruck gemacht, daß lange keine bleibende Verstimmung unter uns aufkommen konnte. Das Wort Vergeben war uns tief eingeprägt.