Geiler von Kaysersberg – Der helle Spiegel

Nimm vor dich den hellsten Spiegel aller Tugend und Heiligkeit, das Leben Jesu Christi, der darum vom Himmel gekommen ist, daß er uns voranginge in guten und heiligen Sitten, und daß wir seine Gestalt in unser Herz schrieben. Wie demüthig war er gegen alle Menschen, wie liebevoll und freundlich gegen seine Jünger, wie mäßig im Essen und Trinken, wie barmherzig gegen die Armen, wie unbekümmert um zeitliches Gut! Welche Züchtigkeit leuchtete aus seinem göttlichen Angesichte, wie viel Geduld zeigte er unter Schmähungen, wie viel Sanftmuth in seinen Antworten, wie viel Mitleid mit den Betrübten, wie viel Sorge um unser Seelenheil! Solches Beispiel sollst du bedenken und bei allen deinen Worten und Werken zu ihm aufsehen.

Bernhard von Clairvaux – Heiligung

Um die Schaar vielfacher Gedanken, die wie pöbelhaftes Volk in den Hof deines Gedächtnisses eindringen wollen, abzuwehren, setze einen Wächter an sein Thor, der heißt: „Erinnerung an das gethane Gelübde.“ Deine Seele soll sich selbst schelten und sprechen: Darfst du Solches denken, da du ein Priester Gottes sein sollst? Schickt es sich für einen Knecht Christi, bei dergleichen auch nur vorübergehend zu verweilen? So wird der Strom unerlaubter Gedanken verstopft und gehemmt werden. Gleicherweise mußt du an der Thür des Willens, der von fleischlichen Begierden, wie das Haus von schlechtem Gesinde, erfüllt zu sein pflegt, einen zweiten Hüter aufstellen, der heißt: „Erinnerung an das himmlische Vaterland.“ Ein solcher wehrt dem bösen Gelüst und öffnet Ihm den Zugang, der gesprochen: Siehe, ich stehe vor der Thür und klopfe an! Den zuverlässigsten Wächter aber mußt du vor das Wohnzimmer der Vernunft treten lassen, damit sich hier nicht etwa ein Feind offen oder versteckt einschleichen kann; dieser heißt: „Erinnerung an die Hölle.“ Eher mag es vergeben werden, wenn das Gedächtniß einem unnützen Gedanken, oder der Wille einem unreinen Begehren Raum läßt, aber das ist schrecklich, wenn auch die Vernunft das rechte Ziel aus den Augen verliert.

Aurelius Augustinus – Ich bin heilig

Ein Jeder der Gläubigen gestehe: Ich bin heilig. Dieses zu sagen ist keine Anmaßung, sondern Zeichen der Dankbarkeit. Wenn du sagst, daß du aus dir selbst heilig bist, so ist es Anmaßung; wenn ud aber als ein Gläubiger in Christo und als ein Glied Christi dich nicht heilig nennen willst: so bist zu undankbar. Indem der Apostel die Anmaßung straft, sagt er nicht: „Du hast nicht;“ sondern er sagt: „Was hast du, daß du nicht empfangen hast?“

Hermann Bezzel – Läuterung

Wer sich IHM ganz erschließt, ihm auf Gnade und Ungnade sich ergibt, weil er selber weiß, wie schlecht er ist, dem tut Jesus die Liebe an und brennt alles weg. Es ist große Liebe, daß wir im Laufe der Jahre uns nicht mehr mit dem Unreinen fortquälen sollen; es ist ewiges Erbarmen, daß er wegbrennt, was uns ins ewige Feuer senken müßte. Laß ihn machen, ob auch die Flamme empfindlich brennt; es ist nicht die Flamme seines Zornes, sondern das Feuer heiliger Liebe. Es ist nicht das Messer des Anfängers, das dein Leben treffen könnte, sondern es ist die geübte Hand des treu geliebten Meisters, der keinen Zoll weiter schneidet, als dir ewig nützt.. Laßt uns im kind= liehen Vertrauen uns ihm ergeben ohne alle vorbehaltliche Bitte und sprechen: Brich entzwei, schneide ein, läutere, tue, was dir gefällt, und lasse mich doch in allem deine Liebe spüren! — Dir gebe ich mein Herz, Mut und Sinn und alle Kräfte zum Opfer. Was du brauchen kannst, ist dein; was mein war, verbrenne; aber laß mich vor dir bleiben in Ewigkeit!

Wer in der Fülle seiner Kraft gedemütigt wird, den macht ER groß.

Engels, Jakob Gerhard – Das Ziel der Heiligung

Nach Gal. 4, 19 soll Christus eine Gestalt in uns gewinnen. Was heißt das? Es heißt: Wir sollen den alten Menschen mit seinen Werken ausziehen und sollen den neuen Menschen, sollen Christum anziehen; wir sollen christusähnlich werden. Es ist nicht genug, daß sich etwas Christliches an uns findet, daß wir christliche Worte reden, je und dann christliche Gefühle und Empfindungen haben, zuweilen ein christliches Werk tun, sondern Christus soll in uns wohnen, soll aus uns heraus reden und handeln. Sein göttliches Leben soll an uns zu sehen sein, so daß, in ähnlicher Weise, wie der Heiland zu Philippus sagt: „Wer Mich siehet, der siehet den Vater“, es von uns heißen kann: Wer sie siehet, der siehet ihren Meister; sie sind gesinnt wie Er, sie reden wie Er, sie handeln wie Er.

Ja, ein hohes Ziel ist es, das der Apostel mit den Worten ausdrückt: auf daß Christus in euch eine Gestalt gewinne. Andere Sprüche bestätigen es. Ich führe nur zwei an, den einen, wo Paulus von sich selbst sagt: Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir; denn was ich jetjt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebet hat und sich selbst für mich dargegeben (Gal. 2, 10). Der andere lautet: Nun spiegelt sich in uns allen des Herrn Klarheit mit aufgedecktem Angesicht; und wir werden verklärt in dasselbe Bild von einer Klarheit zu der andern, als vom Herrn, der der Geist ist (2. Kor. 3, 18).

Wenn wir das hören, kann uns das nicht demütigen? Hat Christus in uns eine Gestalt gewonnen? Ist sein göttliches Leben an uns zu sehen? Ist Christi Sinn unser Sinn, Christi Wandel unser Wandel? Wenn wir an unser tägliches Leben denken, an unsern Ausgang und Eingang, an unser Reden und Schweigen, an unsern Handel und Wandel, an unsere Einsamkeit und Gemeinsamkeit, ist wohl bei uns, wie der selige Ter steegen es ausdrückt, in Wort und Werk und allem Wesen nur Jesus und sonst nichts zu lesen?

Ach, wie wird uns bei solchen Fragen, wenn sie dem Herzen recht nahe kommen, zumute! Wie kommt uns ein Schämen an!

Otto Funke – Lieblingssünden

Laßt mich noch auf einen sehr wichtigen Punkt hinweisen, ich meine auf die besondere Lieblingssünde. Wenn es nämlich mit dem Kampf gegen das Böse in uns etwas Rechtes werden soll, so darf man nicht dabei stehenbleiben, das Böse insgesamt zu hassen. Auch ist’s nicht genug, ein Register aller möglichen Unarten, auf denen man sich ertappt hat, zu entwerfen. Nein, du mußt die ganz besondere Sünde, an der gerade du krankst, du mußt die Stelle, wo gerade du immer wieder zu Falle kommst, entdecken.

Jeder Mensch ist ein bestimmtes Individuum, eine originaliter ausgeprägte Persönlichkeit, ganz anders wie jede andere in der ganzen Welt. So ist auch das Sündenwesen in jedem Menschen ganz individuell ausgeprägt, gerade wie auch in deinem Körper die Krankheitsstoffe eine bestimmte Gestalt oder Ungestalt angenommen haben. Der eine hat eine schwache Lunge, der andere einen kranken Hals usw., und auf diesen schwachen Punkt wirft sich nun jede Erkältung oder Erhitzung. Genau so ist’s in geistlicher Beziehung. Bei dem einen ist die Eitelkeit, bei dem andern der Geiz, bei dem dritten der Neid, bei dem vierten die Wollust das große Haupttor der Sünde, wodurch sie immer wieder einzieht.

Wenn ich aber sage „großes Haupttor“, so meine ich damit keineswegs, daß man es so leicht sehen könnte. Ja, man könnte schon, wenn man wollte. Aber wer will denn sagen „ich will“, wenn es sich darum handelt, sich selber zu erkennen? Es ist gerade das des Teufels besondere Arbeit, uns zu verblenden, daß wir unsere Lieblingssünden nicht erkennen, und es ist unglaublich, wie manchmal auch christlich-erweckte Leute ihre Schoßsünde nicht kennen, während doch alle Welt davon redet. Wie oft verbirgt sich z. B. die giftige Natter des Hochmutes oder der Eitelkeit in dem Veilchengebüsch der „lieblichsten Demut“! Wie oft zieht der rohe Fanatismus den Eliasmantel des „heiligen Eifers“ an!

Willst du nun wirklich wissen, wo gerade dein inneres Leben krankt, so mußt du vor allen Dingen ehrlich beten: „Erleuchte mich, Herr, mein Licht, ich bin mir selbst verborgen und kenne mich noch nicht!“ Sodann mußt du wachen und ernstlich darauf achten, welches der Punkt ist, von dem aus immer wieder eine Trübung deines Seelenfriedens ausgeht. Also betend und arbeitend wirst du es schon finden.

Und dann? Ja, was dann? Nun, ich denke, wenn ein Feldherr eine belagerte Festung zu verteidigen hat, so wird er ja keinen einzigen Punkt aus den Augen verlieren. Aber er wird doch vor allen Dingen seine Augen gerichtet halten auf den schwächsten Punkt.

Ihn wird er soviel wie möglich zu befestigen suchen. Hier wird er die tapferste Mannschaft hinlegen; denn hier, das weiß er, wird der Feind seinen Hauptangriff machen. Die Anwendung liegt auf der Hand…

Murray – Wenn ich etwas aus meinem Hause entfernen will

Wenn ich etwas aus meinem Hause entfernen will und es selbst nicht wegtragen kann, rufe ich starke Männer, damit sie es für mich tun. Ich überlasse es ihnen und spreche: da, nehmt dies weg! Und sie tun es, und ich sage alsdann: Ich habe es aus meinem Hause herausgeschafft. Ebenso kannst du deine Sünden, gegen die du völlig machtlos bist, deinem Gott übergeben. Du kannst sie, auf sein Wort hin, ihm übergeben. Er wird seine Verheissung erfüllen: von aller Unreinigkeit will ich euch reinigen.