Friedrich Christoph Oetinger – Erfahrung

Ich habe es oft erfahren, wenn ich im innerlichen Streit durch Beten, Suchen und Anklopfen meine Verwirrung in Regelmäßigkeit und meine Unruhe in Ruhe gebracht hatte, daß ich es dann dabei bewenden lassen konnte. Ich konnte es tun in der Überzeugung, daß es eine herrliche Sache sei und daß Gott auch unser kindliches Gebet ansehe; ja, daß er uns dann Gedanken eingibt, die alle Regeln überschreiten nach dem Spruch: „Er kann überschwenglich tun über alles, was wir bitten oder verstehen.“ Die Weisheit auf der Gasse, der Geist der Schrift und die göttlichen Schickungen sind Werkzeuge. Aber Gott ist’s, der in Jesus und durch Jesus über alles hinauswirkt. Darum will ich mich niemals auf die erworbene Gnade verlassen, sondern als ein Bettler vor ihm kommen, der nichts hat und nichts kann. Alsdann findet meine Seele Ruhe, und der Geist Jesu gibt den Gnadenkräften eine neue Form. Dies beruhigt das Herz und vermehrt die Gnade und den Frieden.

Friedrich Schleiermacher – Aus einem Brief an seine Frau, 1832

Du kommst ganz in die Sprache hinein, immer vom Heiland zu reden und Gott ganz in den Hintergrund zu stellen. Wenn schon der Heiland es ist, der aus der Natur zu uns spricht, so muß dann ein unmittelbares Verhältnis mit Gott gar nicht mehr stattfinden, und doch rühmt er sich selbst am meisten dessen, daß wir durch ihn zum Vater kommen, und der Vater Wohnung bei uns macht. Halte doch daran fest, mit Christo und durch ihn dich recht Gottes, seines und unseres Vaters, frisch und fröhlich zu freun. Das ist sein liebster Lohn für seine Treue.

Lars Olsen Skrefsrud – Das Leben

Das Leben des Menschen gleicht oft stillstehendem Wasser – das überzieht sich leicht mit Schlamm und Algen. Je frischer und lebensvoller aber ein Fluß durch solch ein Wasser hindurcheilt, je reiner bleibt es. Und die aus der Erde brechenden Quellen sind auch nur deshalb rein, weil in ihnen Leben ist. – Geradeso ist es mit dem Menschenleben, das seinen Ursprung in den Quellen des ewigen Lebens, in Gott, hat. Soll es rein bleiben, so braucht es ununterbrochen diesen göttlichen lebendigen Zufluß, sonst stockt auch das Christenleben.