Kohlbrügge Hermann Friedrich – Schule der Selbsterkenntnis

Wann werden wir endlich völligen Bankrott machen und Konkurs anmelden? Es gibt doch kein fröhlicheres Leben, als wenn man aufgenommen worden ist in Gottes großes Armenhaus und nichts, nichts, gar nichts mehr zu leisten braucht, sondern alles ohne Geld und – damit man nicht meine, man könne es mit seiner Dankbarkeit gutmachen – umsonst, ganz umsonst hat und so sich’s gut sein läßt an eines anderen Gut!

Gott spricht: ,Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig.‘ 0, das ist doch wahrhaftig ein Wort, so reich an Trost wie kein anderes! Er nimmt mir meine Schulden und schenkt mir Reichtümer. Er nimmt mir meine Lappen und Lumpen und kleidet mich wie ein Königskind. Er nimmt mir meine Krücken und verwendet sie als Brennholz, um mir eine köstliche Speise zu kochen. Wenn ich ganz und gar aussätzig bin, dann bin ich rein; und wenn ich schwarz bin, dann nennt er mich ,lieblich‘. Und wenn ich zu schwach bin, um auch nur eine Feder von meinem Munde wegzublasen, dann bin ich ein allmächtiger Mann. Wenn ich am Boden dahinkrieche, dann schwebe ich über den Bergen Jerusalems. Wenn ich mich selbst verdamme, dann preist er mich selig. Und wenn ich nur noch Haut und Knochen bin, gerade dann werde ich nicht zu leicht befunden auf seiner Waage. Das geht wohl alles kreuz und quer gegen unsere Gedanken und Erwägungen, aber gerade so geht es gut! Es gibt keinen andern Weg der Gnade nach Jerusalem, und ich begehre auch keines andern. Es ist eine große Gnade, wenn Gott uns mit unserer Heiligkeit und Frömmigkeit in den Dreck stößt und ins Feuer wirft, und das tut er mit einem jeglichen unter uns, sofern wir in Gnaden sind. Ein Mal über das andere und immer wieder tut er das. Und so empfinden wir es erst recht und bekennen, daß wir uns selbst ungnädig sind, wenn wir es in unserer Frömmigkeit suchen und in einer Heiligmachung, die halb von Christus und halb aus uns selbst kommt, und daß er allein gnädig ist, welchem er gnädig ist, und zwar darin und damit, daß er alle unsre schönen Kartenhäuschen einfach über den Haufen bläst und ohne Aufhören abbricht, was wir bauen.

Manchmal meinen wir, wir wüßten in diesen Dingen Bescheid, und kommen dann just auf einen Weg, auf dem es uns plötzlich so vorkommt, als verstünden wir noch gar nichts. Das ist uns sehr heilsam!

Kierkegaard, Sören Aabye – Gibt es eine absolute Pflicht gegen Gott?

Das Ethische ist das Allgemeine und als solches wiederum das Göttliche. Man hat deshalb recht zu sagen, daß jede Pflicht im Grunde Pflicht gegen Gott ist; aber wenn man nicht mehr sagen kann, so sagt man zugleich, daß es eine Pflicht gegen Gott eigentlich nicht gibt. Die Pflicht wird Pflicht dadurch, daß ich sie auf Gott beziehe; aber durch die Pflicht selbst trete ich in kein Verhältnis zu Gott. So ist es z. B. Pflicht, seinen Nächsten zu lieben. Es ist Pflicht dadurch, daß es auf Gott bezogen wird; aber in der Pflicht trete ich nicht in ein Verhältnis zu Gott, nur in ein Verhältnis zu dem Nächsten, den ich liebe. Sage ich also in diesem Zusammenhang, daß es meine Pflicht ist, Gott zu lieben, so ist das eigentlich nur eine Tautologie, soweit ,,Gott“ hier in einem ganz abstrakten Sinne als das „Göttliche“, d.h. das „Allgemeine“, d.h. die „Pflicht“ genommen wird. Das gesamte Dasein des Menschengeschlechts rundet sich auf diese Weise wie eine Kugel in sich selbst ab; und das Ethische ist zugleich das Begrenzende und das Ausfüllende. Gott wird zu einem unsichtbaren verschwindenden Punkt, zu einem ohnmächtigen Gedanken; seine Macht liegt nur in dem Ethischen, das das Dasein vollkommen ausfüllt.

Sofern also jemand auf den Gedanken kommen sollte, Gott auf eine andre als die hier angegebene Weise zu lieben, ist er überspannt. Er liebt ein Phantom, das ( wenn es nur soviel Kraft besäße, daß es reden könnte) zu ihm sprechen würde: „Ich begehre deiner Liebe nicht, bleibe nur da, wohin du gehörst. Sofern jemand auf den Einfall kommen sollte, Gott anders zu lieben, würde diese Liebe verdächtig werden – wie die Liebe etwa, von der Rousseau redet: die Liebe, mit der ein Mensch die Kaffern liebt, statt seinen Nächsten zu lieben.

Samuel Keller – Wie man zunimmt

Wer Stärkung des Glaubens begehrt, gleicht Jung-Siegfried, der zum Schmied kommt, um sein bestelltes Schwert abzuholen. Wie er das Schwert prüfend wiegt und hebt, sagt er: „Es ist zu schwer!“ „Nein,“ lautet die Antwort, „das Schwert ist nicht zu schwer, aber der Arm ist zu schwach. Übe den Arm im Schwingen des Schwertes, und es wird dir leichter werden von Tag zu Tag.“ Im Anstrengen der Muskeln, im täglichen Brauchen seiner Kraft wächst sie und erhält sich frisch. Darum betont der Herr so oft das Tun seines Wortes!

Grafe, Hermann Heinrich – Ausdauer ist besser als Begeisterung

Die Gleichmäßigkeit der Ausdauer im christlichen Leben, in Glauben, Lieben, Hoffen, erfordert eine größere Fülle und Kraft des Lebens aus Gott, als jene momentanen Aufregungen des Gefühls bis zu den Ekstasen nervöser Wunderwirkungen. So steht ja auch nach 1. Kor. 14 das nüchterne Weissagen weit über dem begeisterten Zungenreden, so daß Paulus Vers 19 sagt: „Ich will in der Gemeinde lieber fünf Worte reden mit meinem Sinn, auf daß ich auch andere unterweise, denn zehntausend Worte mit Zungen.“ – Herr Jesu, gib mir mehr Einsicht und Kraft deines Wortes als bloße Taten und Worte aus eigener Begeisterung!

Gerson – Nachfolge

Wenn Gott den Sterblichen Nichts ohne Arbeit gegeben hat, wie der Dichter sagt, wenn nach des Apostels Worten Niemand gekrönt wird, er kämpfe denn recht, so mußt du dich auch mühen, wenn du schon hier die Herrlichkeit Gottes erblicken willst. Wie lange wirst du dich doch mit der Armuth in diesem Thränenthale, mit dem Kothe und Schmutze der Erde begnügen? Mache dich eilig auf, lauf wie ein Held deinen Weg, und steige rüstig hinan zum Berge des Herrn. Wie lange will deine Seele von Frost und Kälte starren? Wie lange soll sie des Feuers der Andacht entbehren? Höre nicht auf zu lesen, zu betrachten, zu beten; blase frisch zu, bis ein Funke der Andacht emporsteigt. Anfangs wird ihn freilich die schwarze Rauchwolke der Anfechtungen zu ersticken drohen; die Augen werden dich schmerzen, und von Falten wird dein Antlitz starren, aber fürchte dich nicht, blase nur kräftig fort, bald bricht die Flamme immer heller und heller hervor, und endlich wird Gottes reines und ungetrübtes Licht dir leuchten, gleichwie aus einer glühenden Kohle, daran kein Rauch mehr zu sehen ist. Hat dir aber der Herr solche Gnade verliehen, bist du zu einer solchen Höhe emporgestiegen, so suche das Feuer der Andacht unter der Asche der Demuth gegen den Windzug des Stolzes nicht minder, als gegen den Schnee träger Sorglosigkeit zu verwahren; denn wehe denen, welche die Gnade verscherzen!

Gerson – Nachfolge

Ist Jemand zu einem Laster besonders geneigt, so strebe er der entgegengesetzten Tugend mit Eifer nach. Wer leicht heftig und erbittert wird, meide die Gelegenheiten zum Zorn und suche gleichsam mit Gewalt in Ruhe und Sanftmuth zu verbleiben. Wer ungeduldig ist im Leiden, der übe sich in der Betrachtung der Beispiele der Väter, zumeist Christi und der Märtyrer. Wer zu karg ist, versuche mildthätig, wer zu bedenklich ist, freieren Sinnes zu werden. Alles, wonach der Wille ohne vorhergegangene Ueberlegung mit einer gewissen Hast greift, mag es noch so gut scheinen, muß für verdächtig gehalten werden, denn solche Antriebe gehen meist von der Sinnlichkeit aus und der böse Feind hat sein Spiel darin. Es steht geschrieben: Vor der, welche in deinem Busen schläft, hüte dich, das heißt, laß die Sinnlichkeit über deine Vernunft nicht, wie die Frau über den Mann, herrschen. Kannst du sie nicht völlig überwinden, so widerstehe ihr wenigstens immerfort; solcher Streit und Kampf wird dir vor Gott als Sieg angerechnet werden. Oft gilt es höher, Stand zu halten in der Schlacht, als sofort zu siegen; auch sieht der weiseste und gerechteste König, unser Gott, mehr auf den Willen als auf die Thaten seiner Streiter.

Gerson – Nachfolge

Viele ermatten im Ringen nach dem Reiche Gottes, und gehen damit der Seligkeit des ewigen Lebens verlustig. So steigt Einer wohl einen Berg hinan, hinter dem sich herrliche Auen ausbreiten, und kehrt in der Mitte des Weges aus Trägheit wie. der um. So läßt Einer, der grünes Holz in Brand stecken soll, da es ihm sofort nicht gelingen will, Rauch und Reis in Stich, nachdem er in seiner Ungeduld Alles auseinandergestreut. So wirft der Affe die Nuß von sich, deren Schaale ihm bitter schmeckt, ohne bis zur Süßigkeit des Kernes einzudringen. So ergreift der Soldat, dem die Belagerung der Stadt zu lange währt, die Flucht und nimmt sich alle Hoffnung auf Lohn und Beute.

Dionysius der Karthäuser – Nachfolge

Willst du wissen, mit wie großer Bedachtsamkeit wir auf dem Wege des Heils fortschreiten müssen, so erwäge, was der eingeborne Sohn, die ewige Weisheit Gottes, für uns geworden ist, gelitten und gethan hat. Er hat um unsertwillen die menschliche Natur angenommen, zu unsrer Erlösung die größten Lasten getragen, ja den bittersten Tod erduldet. Willst du dich nun noch länger vernachlässigen, noch länger die Zeit der Gnade verscherzen? Wähnst du, daß du bei einem so schlaffen und oberflächlichen Leben, das noch der Weltliebe so voll und der Gottesfurcht so ledig ist, selig werden könnest? So entgeht man wahrlich nicht der ewigen Pein, so erreicht man nimmer das himmlische Vaterland. Hat Christus gelitten und uns ein Beispiel hinterlassen, daß wir sollen nachfolgen seinen Fußstapfen, so müssen wir ihm auch in seinen Leiden ähnlich werden, müssen mit ihm sterben; denn wer da saget, daß er in ihm bleibe, spricht der Apostel, der muß auch wandeln, gleichwie er gewandelt hat. So gieb denn der Eitelkeit Abschied, unterwirf deinen Willen dem Gesetze des Herrn und laß die Furcht Gottes immerdar in dir wohnen.

Dionysius der Karthäuser – Nachfolge

Die bittern Leidenstage des Herrn sollst du dir täglich vor Augen stellen, um an ihnen zu sehen und zu lernen, wie auch du als sein Knecht thun und dulden sollst. Denke darum an jenes letzte heilige Mahl, wo er zu lieben mit Wort und Werk lehrte, mit dem Worte, da er sprach: Ein neu Gebot gebe ich euch, daß ihr euch unter einander liebet, wie ich euch geliebet habe; mit dem Werke, da er den Jüngern die Füße wusch und sie mit seinem Schurz trocknete. Denke daran, wie er darauf in der Angst heftiger betete, also daß sein Schweiß in Blutstropfen zur Erde fiel; wie er verrathen, gefangen und gebunden in das Haus des Hohenpriesters geführt ward, wie die Gewalt der Finsterniß in der Nacht das furchtbarste Spiel mit ihm trieb, wie man ihn geißelte, anspie, schlug und lästerte; wie er aber, der Heilige Gottes, alle Leiden mit Geduld, Sanftmuth und Stille trug. Siehe, wie er vor den Landpfleger als Aufrührer gestellt und verklagt, wie er von Herodes verachtet und zum Spott mit weißen Kleidern angethan wird, wie er wieder entblößt, mit Geißeln zerfleischt und mit Striemen bedeckt, mit Purpur umhüllt und mit Dornen gekrönt dasteht. Da trieft sein heiliges Antlitz überall von Blut, aber man verhöhnt ihn noch mehr, man reißt ihm das Rohr aus der Hand und drückt die Dornen immer tiefer in sein Haupt hinein. Siehe, wie er matt und bleich hinwankt mit dem Kreuzespfahl auf dem Rücken, siehe, wie er zwischen Verbrechern hängt, wie Hände und Füße durchstochen sind, wie der Leib qualvoll gespannt ist; siehe, wie man ihn mit Galle und Essig tränkt; höre ihn, wie er ausruft: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen!

Cyprian – Von der Nachfolge

Laßt uns in den Händen die göttliche Schrift halten, im Sinne nur den Gedanken an den Herrn wohnen; beständiges Gebet möge gar nie verstummen, heilbringende Wohltätigkeit keinen Augenblick erlahmen! Laßt uns stets in geistlichen Werken uns betätigen, damit der Feind, sooft er einen Angriff versucht, unsere Brust gegen ihn wohlverwahrt und gerüstet findet!