Irenäus – Gottes unermessliche Grösse

Wenn einer aber auch nicht auf all seine Fragen über das Wesen Gottes die Antwort findet, so bedenke er, daß er ein Mensch ist, unendlich viel kleiner als Gott, und daß er die Gnade erst zu einem Teil empfangen hat; er bedenke, daß er dem Schöpfer weder gleich noch ähnlich ist und nicht die Erkenntnis und Einsicht haben kann wie Gott. Soviel kleiner der heute geschaffene und beginnende Mensch ist als der ungeschaffene und ewig sich gleiche Gott, soviel kleiner als der Schöpfer ist er auch an Wissen und an Fähigkeit, den Grund aller Dinge zu erforschen.

Mensch, du bist nicht ungeschaffen und warst nicht immer bei Gott wie sein eigenes Wort! Du hast durch seine überragende Güte nun erst deinen Anfang genommen und durch das Wort lernst du allmählich den Heilsplan Gottes, der dich geschaffen hat. Laß also dein Wissen an seinem Platz und versuche nicht, über Gott hinauszukommen, als hättest du seine Güte nicht erfahren; man kann nicht über ihn hinauskommen. Frage nicht, was jenseits des Schöpfers sei; du wirst nichts finden. Unermeßlich ist der Künstler, der dich gebildet hat; du sollst dir keinen Vater über ihn hinaus ausdenken, als hättest du ihn ganz durchmessen, seine ganze Schöpfung durchschritten und seine Tiefe und Höhe und Länge erschaut. Du wirst dir nichts erdenken können, sondern wirst zum Toren werden in deiner widernatürlichen Denkungsart. Wenn du aber dabei verharrst, so wirst du in Wahnsinn fallen; denn du hältst dich für erhabener und besser als deinen Schöpfer und wähnst, du habest dich über seine Herrschaft erhoben.

Besser und nützlicher ist es also, ein einfacher und ungelehrter Mensch zu sein, der durch die Liebe sich Gott nähert, als ein Vielwisser, der zum Lästerer an seinem Gott wird.

Bernhard von Clairvaux – Der Gott der Rache

Er, der ein Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes genannt wird, heißt auch ein Gott der Rache, ein gerechter und starker Richter, ein eifriger Gott. Er rührt die Berge an, und sie rauchen, er kann Leib und Seele in die Hölle werfen. Wagst du es nun, elender Wurm, der durch ein leichtes Lüftchen verweht werden mag, eine solche Majestät zu reizen. Erschrickst du nicht vor der Verdammniß, nicht vor dem Antlitz des Richters, vor dem selbst die Engel erbeben? Denkst du nicht mit Zittern an den Zorn des Allmächtigen, an das Krachen der stürzenden Welt, an den Brand der Elemente, an die Stimme des Erzengels, an den nagenden Wurm, an das lodernde Feuer, an die äußerste Finsterniß? Sprich: Ach daß ich Wasser genug hätte in meinem Haupte und meine Augen Thränenquellen wären! Empfindest du Solches, dann erst bist du zur rechten Besinnung gekommen.

Bernhard von Clairvaux – Was ist Gott?

Was ist Gott? Die Länge und die Breite, und die Höhe und die Tiefe. Die Länge nach seiner Ewigkeit. Weder im Raume, noch in der Zeit hat er ein Ende. Die Breite nach seiner Liebe. Er hasset nichts von dem, das er gemacht hat, selbst die Feinde umschließen die Arme seines Erbarmens. Er lässet seine Sonne aufgehen über Böse und Gute, er lässet regnen über Gerechte und Ungerechte. Nicht blos alles Gefühl, alle Fassungskraft übersteigt seine Liebe; sie ist ewig, ja sie ist selbst eine Ewigkeit. Siehe nun, wie die Breite der Länge entspricht! Was ist Gott weiter? Die Höhe und die Tiefe. In der Höhe erkenne seine Macht, die unerreichbar, in der Tiefe seine Weisheit, die unerforschlich ist. O welch eine Tiefe des Reichthums beides der Weisheit und Erkenntniß Gottes; wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und wie unerforschlich seine Wege! ruft der Apostel aus. O mächtige Weisheit, die überall kräftig eingreift, o weise Macht, die Alles lieblich regelt und ordnet! Siehe da das große Wesen mit seinen mannigfachen Eigenschaften und verschiedenen Wirkungsweisen! Die Länge ist es nach seiner Ewigkeit, die Breite nach seiner Liebe, die Höhe nach seiner Allmacht, die Tiefe nach seiner Weisheit.

Bernhard von Clairvaux – Was ist Gott?

Was ist Gott? Er ist der, der da ist und auch der, ohne welchen nichts ist. So kann nichts ohne ihn, wie Er ohne sich nicht sein. Er ist für sich, er ist für alles. Wie alles in ihm, so ist er in allem. Er ist der, dem keine Zeiten zugeflossen und keine abgeflossen sind; von dem alles, durch den alles, in dem alles ist. Er ist das Höchste, das gedacht werden kann. Das heißt: Er ist die Wahrheit, die Weisheit, die Kraft, die Ewigkeit, das größte Gut, der Herr Zebaoth. Er ist der, der allein von einem Nichtwissen nichts weiß, der vielmehr ganz Licht und ganz Auge ist, ein Auge, das nie sich trügt, weil es nie sich schließt. Er bedarf kein Licht außer sich, um zu sehen. Er selber sieht und hat, worin er sieht. Er liebt als die Liebe, er weiß als die Wahrheit, er richtet als die Gerechtigkeit, er herrscht als die Majestät, er regiert als das Reich, er schützt als das Heil, er wirkt als die Macht, er offenbart als das Licht, er hilft als die Gnade. Was ist also Gott? Für alle das Endziel, für die Erwählten das Heil, für sich, was nur Er weiß.