Jakob Gerhard Engels – Die Liebe höret nimmer auf

O, wenn wir in Wahrheit erlöst sind von dem eigenen Leben, von dem eigenen Ich, wenn die Liebe Gottes in unsere Herzen ausgegossen ist durch den Heiligen Geist, wenn die Liebe Christi uns dringet, und wenn wir in dieser Liebe untereinander verbunden sind, dann wissen wir, diese Liebe höret nimmer auf! O, meine Freunde, so manche meiner Lieben sind nicht mehr hier, sie sind gestorben, und es mag wohl auch bei dir so sein! Aber wenn ich an meine Lieben denke, deren Stätte leer geworden ist und in deren leibliches Angesicht ich nicht mehr sehen kann, ich meine, ich hätte sie noch lieber als früher, meine Liebe zu ihnen hätte noch zugenommen, wäre noch wärmer, inniger, reiner.

O, wie steht ihr Bild mir vor Augen! Da tritt bald der eine, bald der andere vor mein inneres Auge hin, — treue Zeugen der Wahrheit, die früher in Erweisung des Geistes und der Kraft das Evangelium gepredigt haben, oder liebe Angehörige, Gottes Kinder, die nicht mehr hier sind, — ihr Bild tritt vor mich hin, freilich nicht mehr in menschlicher Schwachheit, sondern in der Klarheit des Herrn. Wie fühlt man sich so innig mit ihnen verbunden, mit diesen lieben Gotteskindern, die nicht mehr hier auf Erden sind, die man früher gekannt und geliebt hat! Ja, die Liebe höret nimmer auf.

Und darin haben wir auch den ganz sicheren Beweis, daß wir uns Wiedersehen. Wenn die Liebe nimmer aufhört, dann muß sie die, die in dieser Liebe untereinander verbunden sind, wieder zusammenführen. Es kann nicht anders sein, trotz Trennung, trotz Tod, trotz Grab. Die Liebe höret nimmer auf.

Jakob Gerhard Engels – Herzensgüte

Unter Gütigkeit ist Herzensgüte verstanden, das Wohlwollen gegen jedermann, die herzliche Gesinnung gegen den Nächsten. Herzensgüte ist etwas Innerliches, kommt aber zum Vorschein im Umgang mit andern. Wie die Freundlichkeit ist sie ein Abglanz des inneren Friedens und kommt jedermann zugute, unsern Hausgenossen, unsern Nachbarn, allen Menschen, mit denen wir umgehen. Die Gütigkeit dient allen in Liebe. Obenan stehen die Kranken. Wir besuchen sie, trösten sie, gewähren ihnen tatkräftige Hilfe. Sind wir ihnen ferne, so suchen wir sie im Geiste auf, gedenken ihrer unwillkürlich, brauchen uns nicht dazu zu zwingen.

Ferner kommt die Herzensgüte unsern Feinden zugute. Du und ich, wir haben zwar keine Feinde. Wir sind niemandem böse, mögen die Menschen uns auch zürnen, weil wir nicht mit ihnen ihre verkehrten Wege gehen, vielmehr sie deshalb strafen müssen. Denn die Herzensgüte kann auch sehr ernst reden, hat sie doch das Wohl des andern im Auge und haßt sie doch die Sünde, welche die Menschen um ihr zeitliches und ewiges Heil bringt und in ihr Elend hineinstürzt. Darum strafen wir die Sünden unserer Feinde, aber sie selbst lieben wir und sammeln, wo sich Gelegenheit dazu findet, feurige Kohlen auf ihr Haupt. Wie es in der Schrift heißt: Hungert deinen Feind, so speise ihn!

Wo Herzensgüte ist, da ist man beständig und gleichmäßig, nicht mit Launen geplagt, heute so und morgen so. Wir gehen, wie Tersteegen es ausdrückt, in süßer Gleichheit fort. Nichts ist wohltuender für unsere Hausgenossen, als wenn wir vor ihnen und mit ihnen in dieser gleichmäßigen Freundlichkeit wandeln, nicht verkehrt, nicht ungeduldig, nicht verstimmt, nicht auffahrend. Und diese Herzensgüte gewinnt auch für den Herrn. Denn wo Herzensgüte ist, da sinnt man immer darüber nach: Wie kann ich diesem oder jenem zum Segen werden? Dann wird man so vorsichtig in seinem Wandel, nimmt sich so zusammen in seinen Stimmungen, damit man bei andern durch launisches Wesen keinen Anstoß erregt und ihrem Seelenheil schadet.

Jakob Gerhard Engels – Freundlichkeit

Was ist Freundlichkeit? Freundlichkeit ist der Abglanz des inneren Herzensfriedens im Verkehr mit andern, im Liebes- und Friedensumgang mit dem Nächsten. Freundlichkeit ist gleich der Geduld nur dort zu finden, wo das lebendige Bewußtsein ist, daß man alles im reinen hat. Die Geduld ist die Erweisung des Friedens in den mancherlei Leiden des Lebens. Freundlichkeit ist der Abglanz dieses Friedens nach außen hin. Sie kommt jedermann zugute, zunächst allerdings unsern Hausgenossen und Angehörigen, mit denen wir ja am meisten zusammen sind; dann aber auch denen, mit denen wir in einem ferneren Verkehr stehen, den Nachbarn und allen, mit denen unser Lebensweg uns irgendwie zusammenführt.

Im Worte Gottes ist öfter von der Freundlichkeit die Rede. Ich erinnere jetzt an zwei Stellen. Die eine steht im Epheserbrief: „Seid untereinander freundlich, herzlich, und vergebet einer dem andern, gleichwie Gott euch vergeben hat in Christo!“ (Eph. 4, 32). Die andere Stelle im Kolosserbrief ist wohl noch bekannter: „So ziehet nun an als die Auserwählten Gottes, Heilige und Geliebte, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld!“ (Kol. 3, 12).

Diese liebliche Frucht des Geistes wirkt wie belebender Sonnenschein; besser kann ich sie nicht vergleichen. Das gilt freilich zunächst von der Freundlichkeit und Leutseligkeit unseres Heilandes. Sie ist der belebende Sonnenschein in diesem mühseligen Leben, und die Gläubigen erfahren neben dem heiligen Ernst des Herrn doch auch täglich von seiner großen Freundlichkeit und Liebe, die ihr Herz zum Loben und Preisen bringt.

Aber doch gilt es in zweiter Linie auch von menschlicher Freundlichkeit, daß sie wirkt wie Sonnenschein und erquickender Tau. Kürzlich sah ich diese Wirkung der Freundlichkeit noch an einem jungen Mädchen. Es lebte in einem unfreundlichen Hause. Kein freundlicher Blick, kein freundliches Wort, keine freundliche Hand. Man ließ sie es empfinden, daß ihre Anwesenheit eher lästig als willkommen sei, und daß es eine Gnade sei, daß sie im Hause aufgenommen sei. Und das Mädchen kränkelte in ihrem Gemüt dahin. Aber wie lebte es auf, als es in eine andere Umgebung kam, wo es freundliche Gesichter sah und nicht mehr das Gefühl hatte, daß es den andern eine beschwerliche Last sei! Ja, Freundlichkeit ist belebender Sonnenschein.

Engels, Jakob Gerhard – Das Ziel der Heiligung

Nach Gal. 4, 19 soll Christus eine Gestalt in uns gewinnen. Was heißt das? Es heißt: Wir sollen den alten Menschen mit seinen Werken ausziehen und sollen den neuen Menschen, sollen Christum anziehen; wir sollen christusähnlich werden. Es ist nicht genug, daß sich etwas Christliches an uns findet, daß wir christliche Worte reden, je und dann christliche Gefühle und Empfindungen haben, zuweilen ein christliches Werk tun, sondern Christus soll in uns wohnen, soll aus uns heraus reden und handeln. Sein göttliches Leben soll an uns zu sehen sein, so daß, in ähnlicher Weise, wie der Heiland zu Philippus sagt: „Wer Mich siehet, der siehet den Vater“, es von uns heißen kann: Wer sie siehet, der siehet ihren Meister; sie sind gesinnt wie Er, sie reden wie Er, sie handeln wie Er.

Ja, ein hohes Ziel ist es, das der Apostel mit den Worten ausdrückt: auf daß Christus in euch eine Gestalt gewinne. Andere Sprüche bestätigen es. Ich führe nur zwei an, den einen, wo Paulus von sich selbst sagt: Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir; denn was ich jetjt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebet hat und sich selbst für mich dargegeben (Gal. 2, 10). Der andere lautet: Nun spiegelt sich in uns allen des Herrn Klarheit mit aufgedecktem Angesicht; und wir werden verklärt in dasselbe Bild von einer Klarheit zu der andern, als vom Herrn, der der Geist ist (2. Kor. 3, 18).

Wenn wir das hören, kann uns das nicht demütigen? Hat Christus in uns eine Gestalt gewonnen? Ist sein göttliches Leben an uns zu sehen? Ist Christi Sinn unser Sinn, Christi Wandel unser Wandel? Wenn wir an unser tägliches Leben denken, an unsern Ausgang und Eingang, an unser Reden und Schweigen, an unsern Handel und Wandel, an unsere Einsamkeit und Gemeinsamkeit, ist wohl bei uns, wie der selige Ter steegen es ausdrückt, in Wort und Werk und allem Wesen nur Jesus und sonst nichts zu lesen?

Ach, wie wird uns bei solchen Fragen, wenn sie dem Herzen recht nahe kommen, zumute! Wie kommt uns ein Schämen an!