Anna Schieber – Der Strom der Gnade

Als der Sohn über die Erde wandelte, als er seine schauerlich-furchtbare Wüstenzeit hinter sich hatte und wieder unter die Menschen trat, da strömte von seinem Wesen das aus, was später, rückschauend, einer von denen, die um ihn waren, nicht anders zu bezeichnen wußte, als mit dem Wort: „aus seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ Sie tranken seinen überfließenden Reichtum in sich hinein und gaben ihn weiter, und wo ihnen Menschen begegneten, durstige, die beides waren, Gefäß und Leitung, da strömte aus ihrer Botschaft der tiefe Strom der Gnade in immer neue Rinnsale und machte Schwache stark und Traurige froh und unreine rein.

Reinhold Schneider – Die Gnade der Schmach

Das ist die Gnade der Schmach, daß sie des Herzens Eigenmacht tilgt und die falschen Bilder ihrer Tradition zerstört und es löst von den Fesseln der Eitelkeit. Es gibt keine Schmach mehr, die die Seele unbedingt verletzt. Ein schwacher Abglanz deiner Unverletzbarkeit, o Gott, Teilt sich den Deinen mit. Wir wollen auf dich blicken, wenn uns zuteil wird, was wir verdienen. Das Höchste unserer Seele ruht unzerstörbar in dir.

Rudolf Kögel – Aus einer Abendandacht kurz vor seinem Tod.

Morgen ist das Evangelium aller Evangelien dran: „Jesus nimmt die Sünder an und ißt mit ihnen.“ Gott erhalte unter uns das Wort, das die Gottlosen gerecht macht, er erwecke das Gebet, das nach Gerechtigkeit hungert, ein Herz für den, der das zerstoßene Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht. Die Barmherzigkeit, die das verlorene Lamm nach Hause trägt, rühmt sich wider das Gericht, und wo die Sünde mächtig geworden ist, will die Gnade noch viel mächtiger sein. Amen.

Johann Albrecht Bengel – Zum Himmelreich eingeladen

Heuchler reden viel vom ewigen Leben, versäumen aber die gegenwärtige Gnade. Du aber trachte, die Gnade recht zu fassen, so wird das andere nicht fehlen. Groß ist der Herr, groß sind seine Gaben, groß ist sein Haus; groß ist unser Elend, unsere Dürftigkeit. Erkenne die dir angebotene Gnade. Laß dich nichts hindern, sie anzunehmen. Laß deine Unwürdigkeit dich nicht abschrecken, dich wirklich einzufinden. Kommen ist nicht Verdienst, aber doch nötig, willst du die Mahlzeit genießen. O komm, kommt! Sonst wird es einmal heißen: Geht hin von mir.

Johann Albrecht Bengel – Gnade

Die Gnade ist überschwänglich und hat vielerlei Anwürfe. Wenn wir alle Beispiele von Bekehrungen beisammen hätten, so würde sich eine große Mannigfaltigkeit zeigen, wie bald dieser, bald jener Punkt der Heiligen Schrift, bald dieser, bald jener Punkt der heilsamen Lehre den Anfang zur Rettung der Seelen gemacht hat, bis es hieß: Was sollen wir tun?

Es ist um die Bekehrung einer Seele nichts, das sich erzwingen läßt. Und ist besser, wenn eine einzige Taube selbst geflogen kommt, als wenn viele in den Schlag eingetrieben werden.