Katharina Zell – Liebe zu den Geschwistern

Ich habe mich mit meines Mannes Willen und Wohlgefallen vieler Leute angenommen, für sie geredet und geschrieben, es seien die, so unserem lieben Doktor Martin Luther angehangen oder Zwinglin oder Schwenkfelden oder die armen Taufbrüder, reich und arm, weise und unweise, alle haben zu uns kommen dürfen. Was sind uns ihre Namen angegangen? Wir sind auch nit gezwungen gewesen, eines jeden Meinung oder Glaubens zu sein, sind aber schuldig gewesen, einem jeden Lieb, Dienst und Barmherzigkeit zu beweisen. So hat uns unser aller Meister Christus gelehrt.

Brooke Foss Westcott – Abschiedsworte (aus seiner letzten Predigt)

Da ich wahrscheinlich heute zum letzten Mal zu euch sprechen kann, möchte ich euch noch einmal die Summe der Erfahrungen aus einem langen, arbeitsreichen Leben zusammenfassen: die stärkste Kraft, die uns auf dem rechten Wege hält, ist die Liebe Christi, das Geheimnis eines edlen Lebens ist das freudige Sichbeugen unter seinen Willen. Nehmt, Freunde, diesen meinen letzten Rat nach Hause, ins Bergwerk, in euern Klub: Versucht, nach den göttlichen Maßstäben eure Arbeit mit ganzer Kraft zu leisten und euch in eurer Freizeit eure Reinheit zu bewahren.

Kierkegaard, Sören Aabye – Über Liebe

Was ist denn ein Mensch ohne Liebe? Doch gibt es vielerlei Arten von Liebe; ich liebe einen Vater anders als eine Mutter, meine Ehefrau wiederum anders, und jede verschiedene Liebe hat ihren verschiedenen Ausdruck; es gibt aber auch eine Liebe, mit der ich Gott liebe, und diese hat in der Sprache nur einen Ausdruck, nämlich: Reue. Wenn ich ihn nicht so liebe, so liebe ich ihn nicht absolut, nicht aus meinem innersten Wesen, jede andere Liebe zum Absoluten ist ein Mißverständnis, denn, um etwa das zu nehmen, was man sonst so laut anpreist und was ich selber ehre, wenn der Gedanke mit aller seiner Liebe am Absoluten festhängt, so ist es nicht das Absolute, was ich liebe, ich liebe nicht absolut, denn ich liebe notwendig; sobald ich frei liebe und Gott liebe, bereue ich. Und sollte es keinen anderen Grund dafür geben, daß der Ausdruck für meine Liebe zu Gott Reue ist, so gibt es doch den, daß er mich zuerst geliebt hat. Und doch ist dies eine unvollkommene Bezeichnung, denn nur wenn ich mich selbst als schuldig wähle, wähle ich absolut mich selbst, falls ich überhaupt mich selbst auf eine Weise absolut wählen soll, daß dieses Wählen nicht identisch ist mit einem sich selbst Erschaffen; und wäre es auch des Vaters Schuld, die sich auf den Sohn fortgeerbt hätte, er bereut sie mit, denn so nur kann er sich selbst wählen, sich absolut wählen; und wenn die Tränen ihm beinahe alles auslöschten, er fährt fort zu bereuen, denn so nur wählt er sich selbst. Sein Selbst ist gleichsam außer ihm, und es muß erworben werden, und die Reue ist seine Liebe dazu, weil er es absolut wählt, aus des ewigen Gottes Hand.

Kierkegaard, Sören Aabye – Gibt es eine absolute Pflicht gegen Gott?

Das Ethische ist das Allgemeine und als solches wiederum das Göttliche. Man hat deshalb recht zu sagen, daß jede Pflicht im Grunde Pflicht gegen Gott ist; aber wenn man nicht mehr sagen kann, so sagt man zugleich, daß es eine Pflicht gegen Gott eigentlich nicht gibt. Die Pflicht wird Pflicht dadurch, daß ich sie auf Gott beziehe; aber durch die Pflicht selbst trete ich in kein Verhältnis zu Gott. So ist es z. B. Pflicht, seinen Nächsten zu lieben. Es ist Pflicht dadurch, daß es auf Gott bezogen wird; aber in der Pflicht trete ich nicht in ein Verhältnis zu Gott, nur in ein Verhältnis zu dem Nächsten, den ich liebe. Sage ich also in diesem Zusammenhang, daß es meine Pflicht ist, Gott zu lieben, so ist das eigentlich nur eine Tautologie, soweit ,,Gott“ hier in einem ganz abstrakten Sinne als das „Göttliche“, d.h. das „Allgemeine“, d.h. die „Pflicht“ genommen wird. Das gesamte Dasein des Menschengeschlechts rundet sich auf diese Weise wie eine Kugel in sich selbst ab; und das Ethische ist zugleich das Begrenzende und das Ausfüllende. Gott wird zu einem unsichtbaren verschwindenden Punkt, zu einem ohnmächtigen Gedanken; seine Macht liegt nur in dem Ethischen, das das Dasein vollkommen ausfüllt.

Sofern also jemand auf den Gedanken kommen sollte, Gott auf eine andre als die hier angegebene Weise zu lieben, ist er überspannt. Er liebt ein Phantom, das ( wenn es nur soviel Kraft besäße, daß es reden könnte) zu ihm sprechen würde: „Ich begehre deiner Liebe nicht, bleibe nur da, wohin du gehörst. Sofern jemand auf den Einfall kommen sollte, Gott anders zu lieben, würde diese Liebe verdächtig werden – wie die Liebe etwa, von der Rousseau redet: die Liebe, mit der ein Mensch die Kaffern liebt, statt seinen Nächsten zu lieben.

Kantz, Caspar – Aufforderung zur Liebe gegen Kranke und Sterbende

Dieweil wir alle ain laib sind in Christo vnnd ainer deß anndern glid ist: die glider aber sorgen für ain ander: Also/ wann ains leydet/ das die anndern alle auch mit im leidenn: Vnnd so ain Glid wirt herrlich gehalten, die anndern sich mit jm frewen: Sollen wir vnns frewen mit den frölichen/ vnnd wainen mit den wainenden/ wie auch Jesus Syrach schreibt/ am Sibenden Capitel. Laß die wainenden nit one trost/ Sonnder traure mit den traurigenn. Beschwere dich nit Die krancken zu besuchen. Vnnd beweise auch an den Todten dein wolthat/ So wirdst du geliebt werdenn. Dann dis erfordert die rechte lieb/ das wir in aller not ain ander raten vnd helffen/ nach allem vermügenn. So aber die letste not (wann der Mennsch mit dem Todt vbereylet wirdt) die grössest ist/ Soll ain yegklicher seinem nechsten zuspringen/ vnnd nach dem er gnad von Gott empfangen hat/ jn ermanen/ trösten/ vnd Gott für jn pittenn wie in diesem Büchlin/ für die ainfeltigenn/ ain Form gestellt ist. Doch soll niemand an dise weiß gebunden sein/ Sonnder ain yeder wie jm Got wirdt offenbaren/ seinem nächsten berait sein zu dienenn: Wir sollenn aber wissenn/ Das vnnser zu thun nichts helffenn wird/ Wa Gott sein genad nit darzu gibt. Dann weder der da pflanntzet/ Noch der da begeüßt/ ist etwas/ Sonder Gott/ der das gedeyenn gibt. Darumb sollenn wir in Gottes forcht/ vnd starckem Glauben/ mit vnnserm nechsten handelnn vnd Gott pitten/ das er vnsern Dienst fruchtbar mache. Dem sey eer vnnd preiß/ in ewigkayt/ Amen.

Hildebert von Tours – Liebe

Die Liebe dieser Welt ist anfangs süß, am Ende aber wird sie bitter; die Liebe Gottes scheint anfangs bitter zu sein, aber am Ende wird sie süß. Dieß zeigt uns auf eine bemerkenswerthe Weise der evangelische Abschnitt von der Hochzeit zu Cana, wo es heißt: Jeglicher Mensch setzet zuerst guten Wein vor, und wenn sie trunken sind, den schlechten. Du aber hast den guten Wein zuletzt aufbehalten. Der natürliche Mensch nimmt zuerst den guten Wein, das heißt, er läßt sich durch die trügerische Süßigkeit irdischer Lüste blenden; aber wenn erst die falsche Begierde ihn trunken gemacht hat, dann muß er den schlechten Wein trinken, dann tritt das Gewissen mit seinem Stachel hervor. Unser Herr aber giebt den guten Wein zuletzt. Will Er eine Seele mit seiner Liebe erfüllen, so läßt er sie erst durch Leiden und Trübsal gehen, um ihr den Trank der Liebe desto süßer zu machen.

Gilbert von Hoylandia – Warum entfernt sich Jesus

Warum scheidet der theure Jesus, warum entfernt er sich von der Seele, die ihn liebt? Erst erregt er die Sehnsucht und dann nimmt er ihr die Wonne. Oder will er etwa ihr Verlangen dadurch heißer und inniger machen? Ja, so ist es. Die ferne Liebe weckt größere Liebe. Wie waren doch die Erscheinungen des Auferstandenen so kurz, so plötzlich, so abgebrochen! Von Einigen wurde er kaum erkannt, als er schon wieder verschwand. So geschieht es noch. Wenn man ihn meint zu halten, so stiehlt er gleichsam seine Gnadengegenwart; verstohlen kommt er, verstohlen geht er wieder, und zu der Höhe, dahin er aufsteigt, können wir ihm, so lange wir noch im Fleische wallen, nicht gleichen Schrittes folgen. Aber wann er wiederkehrt, dann brennt unser Herz in uns, wie es den Jüngern brannte auf dem Wege nach Emmaus. Wie selig ist die Stunde, wo die Seele von seinem Feuerstrom durchflössen und geschmolzen wird! Wie weicht da alle Kälte, alle Härte, aller Starrsinn so plötzlich; wie wächst sie in der Liebe, wie eilt sie in der Sehnsucht, wie glänzt sie in der Wahrheit!

Geiler von Kaysersberg – Nächstenliebe

Nicht um Nutzen oder Gaben, nicht um Gesellschaft oder Vermögen sollst du deinen Nächsten lieben, wie die Juden und Heiden auch thun; sondern in Gott sollst du ihn ansehn, sollst bedenken, daß er von Gott geschaffen und nach ihm gebildet ist, daß er mit dir durch das schmerzliche Leiden und den bittern Tod Christi erlöset ist, und daß er mit dir auch das ewige Leben erlangen und besitzen soll. Liebst du so deinen Nächsten als dein Mitgeschöpf, als deinen Miterlösten und als deinen Miterben, dann erst hast du ihn lieb in christlicher Liebe.