Gerson – Trost

Einige angefochtene Seelen glauben verzweifeln zu müssen, weil sie von verzweifelten Stimmungen befallen werden. Aber so sehr sie auch Solches fühlen mögen, so tief sie auch von dieser Versuchung gleichsam verschüttet werden; so lange die Vernunft nicht einstimmt, so lange geht auch die Liebe zu Gott nicht verloren. Das Feuer, welches am Tage auf dem Heerde brannte, scheint während der Nacht unter der Asche ganz erstickt und verkommen zu sein, und doch finden sich, wenn man am Morgen sucht, hie und da noch Funken, aus denen eine ebenso große Flamme, wie vorher, wieder erweckt wird. Gleicherweise kann der Geist des Menschen vom Teufel nicht überwunden werden, wenn der Wille nicht einstimmt. Man muß nur unter dem Andrange solcher Anfechtungen schreien: Herr, mein Gott, thue mir nach dem, was ich gern möchte, nicht nach dem, was ich empfinde. Es pflegt wohl auch zu geschehen, daß sich fromme Gemüther über, kleinere Sünden zu viele Bedenklichkeiten machen, daß sie ängstlich auf Alles, was sie thun. Acht geben, und dann mit der Wage der Gerechtigkeit in der Hand des göttlichen Erbarmens, welches unserer Seligkeit Quell ist, ganz vergessen. Da beten einige einen Psalm für sich, und ein plötzlich aufsteigender Gedanke reißt sie von der Andacht hinweg; sie wiederholen ihr Gebet nun mit Anstrengung zwei-, dreimal, doch öfter wird ihnen die heilige Speise immer fader und geschmackloser. Andere bekennen und beichten ihre Sünden, aber sie fühlen sich nicht vollständig zerknirscht, und quälen und ängstigen sich darum immerdar. Allen Solchen ist zu rathen, daß sie von ihrer Gerechtigkeit hinweg auf Gottes lauteres Erbarmen schauen, und ihre Vergehen so mögen wägen lernen, daß sie die unendliche Liebe Gottes überwiegen lassen. Von einzelnen gotteslästerlichen oder unreinen Gedanken muß sich Keiner irre machen lassen. Sie kommen vom Teufel, und so lange sie dem Menschen nicht zur Lust, sondern zur Last sind, werden sie ihm nicht als Sünde angerechnet. Wollte Jemand mit dem Bekenntniß von dergleichen Gedanken sehr ins Einzelne gehen und sich mühen, nichts zu verschweigen, so würde er ohne Zweifel nichts weniger als Herzensruhe erlangen, vielmehr dem bösen Feinde immer mehr Gelegenheit zu quälenden Angriffen geben; gleichwie diejenigen, welche bellenden Hunden, um ihre Wuth zu beschwichtigen, Brod vorwerfen, sie oft nur noch stärker reizen. Hier gilt der Rath, sich gar nicht viel um solche Gedanken zu kümmern, oder mit ihnen zu streiten, sondern höchstens lachend zu sprechen: Dein Schmutz muß auf dich selber zurückfallen, o Satan; Gott ist mein Beistand, dich fürchte ich nicht. Uebrigens ist es sehr gut, wenn kleinmüthige Personen sich wegen ihrer Bedenklichkeiten an bejahrte fromme Männer wenden, und durch sie ihren Muth stärken und stählen lassen. Denn ältere Zimmerleute gehen sicher und unerschrocken auf den höchsten Balken der Häuser herum, während Anfänger, wollten sie es versuchen, sofort sich in Lebensgefahr begeben würden.

Comenius, Johann Amos – Aus der „Stimme der Trauer“

Wir hören, daß der Herr nur die Verwundeten heilt, nur den Toten Leben gibt und von der Hölle nur die erlöst, die da hinabgeworfen sind (1. Sam. 2). So laßt uns denn willig das aufnehmen, was er verlangt, und wenn es sein Wille ist, uns zuerst zu verwunden, uns zu schlagen, uns in die Hölle hinabzuschleudern – sein Wille geschehe; inzwischen erwarten wir, daß wir ganz gewiß, hier oder in der Ewigkeit, geheilt werden, in den Himmel gebracht werden! Auch unser Herr, der einen unsagbar qualvollen, schändlichen, elenden Tod zu erdulden hatten, tröstete sich damit, daß das Weizenkorn, wenn es nicht stirbt, allein bleibt, aber wenn es stirbt, eine reiche Ernte hervorbringt. Deshalb, wenn aus seinen Wunden Heilung geflossen ist, aus seinem Tod Leben, und seine Hölle Himmel und Heil gebracht hat, warum sollten nicht auch wir, die kleinen Weizenkörner, sterben, wenn Gott will? Wenn das Blut der Märtyrer und auch unser Blut der Same der Kirche sein soll, daß danach die Gottesfürchtigen zunehmen, ach, so laßt uns unter Tränen die köstliche Saat ausstreuen, daß wir mit Freude die Garben einbringen. Gott wird nicht zerstören, ohne wieder aufzubauen. Er macht alles neu. Gott weiß, was er tut, wir müssen ihm zutrauen, daß er niederreißt und aufbaut wie er will. Es tut es nicht sinnlos, etwas Großes liegt in allem verborgen. Die ganze Schöpfung unterliegt Gottes Willen, auch wir, ob wir verstehen, was er tut oder nicht. Für sein Tun bedarf er unsres Rates nicht.

Friedrich von Bodelschwingh – Starker Trost im Leiden

Das Evangelium von der Witwe, die ihren einzigen Sohn zu Grabe trug, und von dem Heiland, der zu ihr sprach: „Weine nicht!“, und ihr den Toten wiedergab, erinnert uns an die dunklen Heimsuchungen Gottes und die Hiobswege seiner Kinder, noch viel mehr aber an die wunderbaren Liebesabsichten des Herrn und an die über alle Maßen wichtige Herrlichkeit (2.Kor. 4,17). Das Wort des Eliphas (Hiob 5,17): „Siehe, selig ist der Mensch, den Gott straft!“ ist ein goldener Lichtstrahl, aus der Wahrheit geboren, und eine kräftige Arznei für unsere angefochtene Seele. „Denn das eben ist die schwerste und höchste Anfechtung im Leiden,“ sagt Luther, „damit Gott zu Zeiten seine hohen Heiligen angreift, da des Menschen Herz nicht anders fühlt, als habe ihn Gott mit seiner Gnade verlassen und wolle sein nicht mehr, und er sich hinkehrt, sieht er nichts als Zorn und Schrecken.“ Für solche Zeiten braucht unser Herz Licht, das die Finsternis durchbricht und vertreibt.

O, daß wir alle lernten, von Menschen wegsehen und allein auf Gottes Hand und Herz blicken! Es ist dieselbe Hand, die verletzt und verbindet. Es ist dasselbe Herz, das sich erst so hart zu uns stellt und dann heilt, ja „heilet im Herzen die tödlichen Schmerzen, machet uns zeitlich und ewig gesund.“. Solche Erfahrung gibt Hoffnung für alle die Trübsalszeiten, so viel ihrer kommen werden, ja, einen getrosten, unverzagten Sinn, eine stille Zufriedenheit, und die selige Freude auf den Erntetag.

Friedrich von Bodelschwingh – Ein Wort für Leidende

Es kann keine Arznei bei einer Krankheit dauernd so wirksam sein, als die friedevolle Stimmung der Seele, die Vergebung glaubt und die Ruhe und Kraft gefunden hat gegen die Stimme der Leidenschaften, die den Glaubenslosen wie ein steuerloses Schiffchen auf dem Meere hin und hertreiben. Die durch den Geist Gottes beruhigte und befestigte Seele kann dem Andringen des Übels einen Widerstand entgegensetzen. Und wenn die Krankheit auch wirklich nicht weicht, sondern nach Gottes Willen bis ans Ende getragen werden muß, so darf sie dem Betroffenen keinerlei Schaden zufügen, sondern ihm nur zur Förderung dienen auf dem Wege zum ewigen Heil, wie die Sturmwinde, die das Schifflein nur schneller zum Hafen treiben. Innigere Gemeinschaft mit Jesus, kindlicher Glaube, reine Liebe zu ihm und zu den Leidensbrüdern, Freude an der Gemeinschaft seiner Leiden, Geduld in der Trübsal, selige Hoffnung des ewigen Lebens, Sterbenskraft und Sterbenslust: das sind schon hienieden selige Früchte solches von Gott aufgelegten Kreuzes, köstlicher als alle Freuden dieser Welt und ihre Schätze.

Tersteegen, Gerhard – Trost auf dem Sterbebett

Findet Dich dieses Blatt noch in dem zeitlichen Elende, so besuche ich Dich hierdurch zum Abschied auf dem Pilger- und Kreuzwege, um uns ewig vor Gott und in Gott wiederzufinden, welches bald geschehen wird. Setze Deine Hoffnung ganz auf die teure Gnade Gottes in Christo Jesu, der gekommen ist, die Sünder selig zu mähen! Suche nichts in Dir selbst, in Jesus ist alles und ewig, was Dich beruhigen und selig machen kann. Alle Deine Sünden und Gebrechen, von Kindheit an bis hierher begangen, sind Dir herzlich leid. Du glaubest, daß Gott um seines lieben Sohnes Jesu willen Dir alle Deine Sünden und Gebrechen überflüssig könne, wolle und werde vergeben und mächtig sei, Dir zu helfen aus allem Deinem Jammer zu seinem ewigen himmlischen Königreich. O du große Gottesgnade in Jesu! O du gründlich beruhigendes Blut meines teuren Erlösers, der um meiner Sünde willen gelitten und gestorben am Stamm des Kreuzes! An dich glaube ich, auf dich leg‘ ich mich, Jesus! Jesus! In der ewig großen Glut deiner erbarmenden Liebe sind alle meine Sünden wie kleine Stoppeln. In diese deine Jesusliebe will ich mich versenken und verlieren, wie ich bin; du kannst mich erlösen, du Menschenfreund!

Du hast Dich in Deinem Leben öfters Jesu ergeben und anvertraut und hast gewünschet, ganz und ewig für ihn zu sein und ihn allein zu lieben und ihm anzuhangen. Das befestigest Du nun nochmals vor der Tür der Ewigkeit mit einem herzlichen Amen. Ja, Jesu, dein bin ich, dein will ich bleiben im Leben, im Sterben und in der ganzen Ewigkeit! Du hast mich dir zum Eigentum erkaufet. Du hast Recht zu meiner Seele. Dir händige ich sie wieder ein als dein Gut. In deine Hände lege ich auf ewig nieder meinen Geist, du getreuer Gott in Jesu! Bewahre du dieses teure Pfand in deiner Hand! Halte du fest, wie du verheißen hast: „Meine Schafe sind in meiner Hand, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“ Habe ich dich, o du liebenswürdigstes Wiesen, schlecht geliebet und gedienet auf Erden, so erwarte ich nun von deiner Barmherzigkeit eine Ewigkeit, da ich dich vollkommen lieben, dienen und verehren möge mit allen deinen Heiligen, Jesu, ich beuge mich unter deine Zucht; reinige, bereite und vollende mich! Soll dieses sterbliche Leben hinsinken, so bleibe du mein ewiges Leben und die ganze Herrlichkeit meiner Seele!

So gehe denn hin im Frieden, mein lieber Bruder, und schaue Deinen Heiland! Er stärke, erquicke und helfe Dir durch! ]a, er wird es tun. Er segne Dich aus seinem Heiligtum und begleite Dich durch das Tal des Todes zum Leben, das ewig ist! Amen, Jesus! Amen, Jesus! Jesus, Amen! In diesem Namen grüße und küsse ich Dich nochmals von Herzen und bleibe durch seine Barmherzigkeit nun und ewig

Dein treuverbundener Bruder.