Bernhard von Clairvaux – Schöpfung der Seele

Die selige und heilige Dreieinigkeit, Vater, Sohn und Geist, schuf die menschliche Seele nach ihrem Bilde und Gleichniß, da sie ihr Gedächtniß, Vernunft und Willen und damit Macht, Weisheit und Reinheit gab. Allein von dieser höchsten und herrlichsten Dreiheit fiel die Seele in eine entgegengesetzte und häßliche: in Schwäche, Blindheit und Getrübtheit. Denn das Gedächtniß ward ohnmächtig, die Vernunft finster, der Wille unrein. Das Gedächtniß im Besondern, gleichsam auf Felsen herabstürzend, zerspaltete sich wiederum in die Dreiheit von leidenschaftlichen, beschwerlichen und müßigen Gedanken. Auch der Fall der Vernunft war ein dreifacher. Sie sollte unterscheiden zwischen gut und böse, Wahrheit und Irrthum, Vortheil und Schaden. In diesem Geschäft aber ist sie so erblindet, daß sie oft Böses für Gutes, Irrthum für Wahrheit, Schaden für Vortheil ansieht. Auch der Wille endlich, der mit dem höchsten Gute vereint und verbunden bleiben sollte, ging vermittelst der Augenlust, der Fleischeslust und des hoffärtigen Wesens ganz in die Liebe der Welt und des Irdischen ein.

Arnold von Basel

Wer hat der Sonne das Licht, dem Monde den Schein, den Sternen den Glanz verliehen? Wer hat die Finsterniß der Nacht und die Helle des Tages gemacht? Durch wen sind die Elemente geschaffen? Woher kommt der Lauf der Himmelskörper und der Wechsel der Zeiten? Wer läßt die Wolken in der Luft schweben und bald in Regen sich ergießen, bald trocken vorüberziehn? Wer haucht die Luft und wer richtet die Winde? Wer hat die verschiedenen Arten von Vögeln geschaffen, wer hat ihnen die bunten Federn und die mannigfachen Gesangsweisen verliehen? Wer läßt das Meer brausen und wieder still werden? Wer hat dem Wasser einen Damm gesetzt, daß es nicht die ganze Fläche der Erde überströmt? Wer hat die Menge der Fische und Ungeheuer im Meere gezählt? Wer vermehrt die Fruchtbarkeit der Erde? Wer belebt sie mit vierfüßigen Thieren, Vögeln und Würmern? Von wem rührt das Innere derselben her und von wem werden ihre Adern mit Gold, Silber, andern Metallen und kostbaren Steinen gefüllt? Von wem empfangen die Bäume ihre Früchte, die Kräuter ihre Frische, die Blumen ihren Geruch, die Wurzeln ihre Heilkraft? Woher nimmt der Honig die Süßigkeit, der Essig die Saure, die Salbe den Duft, der Wein die Macht, des Menschen Herz zu erfreuen, die Speise die Kraft, den Leib zu erhalten? Woher stammen die verschiedenen Temperamente der Menschen, ihre mannigfaltigen Sprachen, ihre besonderen Sitten, ihre abweichenden Gesichtszüge? – Siehe, in allen diesen Dingen kannst du deines Gottes Macht, Weisheit, Güte und Vollkommenheit erkennen.

Hugo von St. Victor: Schöpfung

Welch eine herrliche Zierde der Natur, das vielfache Farbenspiel! Was ist schöner als das Licht, das, obschon selbst ohne Farbe, doch allen Dingen gleichsam die Farbe giebt? Was macht das Leben angenehmer, als der heitere Himmel, wenn er glänzt wie Sapphir, und mit freundlicher Klarheit den Blick anzieht und mild das Auge fesselt? Die Sonne funkelt wie Gold, des Mondes heller Schein ist dem Bernstein gleich, manche Sterne senden einen Flammenstrahl, andere schimmern in rosigem Lichte, noch andere spielen ins glänzende Grün oder Weiß.

Betrachte die Edelsteine, wie sie so wunderbar anzuschauen sind. Siehe die Erde, bekränzt mit Blumen, welch reizendes Schauspiel, wie es das Auge ergötzt und das Gefühl hebt! Dort die rothen Rosen, da die weißen Lilien, hier die purpurnen Veilchen. Wie wunderbar ist nicht nur ihre Schönheit, sondern auch ihr Entstehen! Denn aus dem Erdenstaube läßt Gottes Weisheit solche Gestalten treten. Endlich über alles schön ist das Grün, wenn im wiederkehrenden Frühling alles mit neuem Leben aufkeimt und sprosset, gleichsam nach überwundenem Tode, ein Bild der künftigen Auferstehung.

Hugo von St. Victor: Schöpfung

Siehe, o Herr, ich bin, weil Du mich geschaffen hast, und daß Du mich schaffen und unter Deine Kreaturen zählen wolltest, hattest Du vorher bestimmt von Ewigkeit, noch ehe Du den Himmel ausspanntest und die Tiefen legtest; noch ehe die Erde gemacht, die Berge gegründet und die Quellen geöffnet waren. Und wie komme ich dazu, gütigster Herr, höchster Gott, gnädigster Vater, wie habe ich Solches verdient? Ich war nicht und Du schufest mich, ich war Nichts und Du riefest mich aus dem Nichts ins Dasein. Du hättest mich zu einem Wassertropfen, einer Feuerflamme, einem Vogel oder Fisch, zu einer Schlange oder irgend einem wilden Thiere, zu einem Steine oder Holze machen können. Aber nein, Deine Güte hat mich über alle Dinge gesetzt, hat mir nicht bloß Leben und Gefühl, sondern auch Verstand gegeben; sie hat mich zur würdigsten Kreatur erhoben und nur um ein Geringes unter die Engel gestellt.

Hugo von St. Victor: Gottes Allmacht in der Schöpfung

Welcher Verstand begreift die Macht, die dazu gehört, auch nur Eins, und wäre es auch das Kleinste, aus Nichts zu schaffen! Wie unendlich groß muß also die Macht sein, die so unendlich Vieles schuf! Zähle die Sterne des Himmels, den Sand am Meere, den Staub der Erde, die Tropfen des Regens, das Gras des Feldes, die Blätter und Früchte der Bäume. Wie unendlich groß muß aber auch die Macht sein, die so unendlich Großes schuf! Messe einer die Masse der Berge, den Lauf der Ströme, die Weite der Ebenen, die Höhe des Himmels, die Tiefe der Meeresgründe! Und welche Weisheit zeigt sich in der Zusammenstellung und Anordnung der einzelnen Dinge! Nicht nur das Aehnliche steht in Eintracht bei einander, sondern auch das Verschiedene und Widersprechende trifft gleichsam in einem Freundschaftsbunde zusammen. Was ist sich mehr entgegengesetzt, als Feuer und Wasser? Und doch hat die Vorsehung beide im Naturganzen so gestellt, daß sie nicht nur das gemeinsame Band desselben nicht zerreißen, sondern selbst Allem, was entsteht und wächst, Lebenskraft und Nahrung geben. Siehe ferner, wie die sämmtlichen Glieder des menschlichen Körpers so miteinander verbunden sind, daß keines gefunden wird, das nicht dem andern zu helfen schiene. Ja, Alles greift in der ganzen Welt zweckmäßig und ohne Verwirrung in einander. Blicke hinauf gen Himmel, herab auf die Erde. Dort oben hat Gott das Licht geschaffen, das herunterleuchtet. In der Luft hat er Winden und Wolken den Weg bereitet, damit sie in ihrer Unruhe den Regen über die Länder ausschütteten. In die Tiefe der Erde barg er Wassermassen, die sich auf seinen Wink durch die Abgründe hin und her wälzen sollten, wie es das Gleichgewicht des Ganzen forderte. Von der Luft läßt er die Vögel getragen werden, die Fische taucht er ins Meer, das Land erfüllt er mit allerlei Thieren und Gewürmen. Einigen Gegenden gab er reiche Baumfrüchte, andern viele Weinberge, noch andern fette Gemüse, gedeihliche Viehzucht, heilsame Kräuter, Künste und Gewerbe, so daß es keine Gegend giebt, die nicht vor der andern Besonderes und Eigenthümliches besäße, aber auch keine, die nicht etwas Neues von der andern erhalten könnte. Dazu hat die weise Vorsehung das, was der Mensch nothwendig bedarf, offen und allgemein zugänglich gemacht, was hingegen nur dem Glanze dient, tief in den Schoos der Erde verborgen.