Kierkegaard, Sören Aabye – Gibt es eine absolute Pflicht gegen Gott?

Das Ethische ist das Allgemeine und als solches wiederum das Göttliche. Man hat deshalb recht zu sagen, daß jede Pflicht im Grunde Pflicht gegen Gott ist; aber wenn man nicht mehr sagen kann, so sagt man zugleich, daß es eine Pflicht gegen Gott eigentlich nicht gibt. Die Pflicht wird Pflicht dadurch, daß ich sie auf Gott beziehe; aber durch die Pflicht selbst trete ich in kein Verhältnis zu Gott. So ist es z. B. Pflicht, seinen Nächsten zu lieben. Es ist Pflicht dadurch, daß es auf Gott bezogen wird; aber in der Pflicht trete ich nicht in ein Verhältnis zu Gott, nur in ein Verhältnis zu dem Nächsten, den ich liebe. Sage ich also in diesem Zusammenhang, daß es meine Pflicht ist, Gott zu lieben, so ist das eigentlich nur eine Tautologie, soweit ,,Gott“ hier in einem ganz abstrakten Sinne als das „Göttliche“, d.h. das „Allgemeine“, d.h. die „Pflicht“ genommen wird. Das gesamte Dasein des Menschengeschlechts rundet sich auf diese Weise wie eine Kugel in sich selbst ab; und das Ethische ist zugleich das Begrenzende und das Ausfüllende. Gott wird zu einem unsichtbaren verschwindenden Punkt, zu einem ohnmächtigen Gedanken; seine Macht liegt nur in dem Ethischen, das das Dasein vollkommen ausfüllt.

Sofern also jemand auf den Gedanken kommen sollte, Gott auf eine andre als die hier angegebene Weise zu lieben, ist er überspannt. Er liebt ein Phantom, das ( wenn es nur soviel Kraft besäße, daß es reden könnte) zu ihm sprechen würde: „Ich begehre deiner Liebe nicht, bleibe nur da, wohin du gehörst. Sofern jemand auf den Einfall kommen sollte, Gott anders zu lieben, würde diese Liebe verdächtig werden – wie die Liebe etwa, von der Rousseau redet: die Liebe, mit der ein Mensch die Kaffern liebt, statt seinen Nächsten zu lieben.

Kantz, Caspar – Aufforderung zur Liebe gegen Kranke und Sterbende

Dieweil wir alle ain laib sind in Christo vnnd ainer deß anndern glid ist: die glider aber sorgen für ain ander: Also/ wann ains leydet/ das die anndern alle auch mit im leidenn: Vnnd so ain Glid wirt herrlich gehalten, die anndern sich mit jm frewen: Sollen wir vnns frewen mit den frölichen/ vnnd wainen mit den wainenden/ wie auch Jesus Syrach schreibt/ am Sibenden Capitel. Laß die wainenden nit one trost/ Sonnder traure mit den traurigenn. Beschwere dich nit Die krancken zu besuchen. Vnnd beweise auch an den Todten dein wolthat/ So wirdst du geliebt werdenn. Dann dis erfordert die rechte lieb/ das wir in aller not ain ander raten vnd helffen/ nach allem vermügenn. So aber die letste not (wann der Mennsch mit dem Todt vbereylet wirdt) die grössest ist/ Soll ain yegklicher seinem nechsten zuspringen/ vnnd nach dem er gnad von Gott empfangen hat/ jn ermanen/ trösten/ vnd Gott für jn pittenn wie in diesem Büchlin/ für die ainfeltigenn/ ain Form gestellt ist. Doch soll niemand an dise weiß gebunden sein/ Sonnder ain yeder wie jm Got wirdt offenbaren/ seinem nächsten berait sein zu dienenn: Wir sollenn aber wissenn/ Das vnnser zu thun nichts helffenn wird/ Wa Gott sein genad nit darzu gibt. Dann weder der da pflanntzet/ Noch der da begeüßt/ ist etwas/ Sonder Gott/ der das gedeyenn gibt. Darumb sollenn wir in Gottes forcht/ vnd starckem Glauben/ mit vnnserm nechsten handelnn vnd Gott pitten/ das er vnsern Dienst fruchtbar mache. Dem sey eer vnnd preiß/ in ewigkayt/ Amen.

Hildebert von Tours – Liebe

Die Liebe dieser Welt ist anfangs süß, am Ende aber wird sie bitter; die Liebe Gottes scheint anfangs bitter zu sein, aber am Ende wird sie süß. Dieß zeigt uns auf eine bemerkenswerthe Weise der evangelische Abschnitt von der Hochzeit zu Cana, wo es heißt: Jeglicher Mensch setzet zuerst guten Wein vor, und wenn sie trunken sind, den schlechten. Du aber hast den guten Wein zuletzt aufbehalten. Der natürliche Mensch nimmt zuerst den guten Wein, das heißt, er läßt sich durch die trügerische Süßigkeit irdischer Lüste blenden; aber wenn erst die falsche Begierde ihn trunken gemacht hat, dann muß er den schlechten Wein trinken, dann tritt das Gewissen mit seinem Stachel hervor. Unser Herr aber giebt den guten Wein zuletzt. Will Er eine Seele mit seiner Liebe erfüllen, so läßt er sie erst durch Leiden und Trübsal gehen, um ihr den Trank der Liebe desto süßer zu machen.

Gilbert von Hoylandia – Warum entfernt sich Jesus

Warum scheidet der theure Jesus, warum entfernt er sich von der Seele, die ihn liebt? Erst erregt er die Sehnsucht und dann nimmt er ihr die Wonne. Oder will er etwa ihr Verlangen dadurch heißer und inniger machen? Ja, so ist es. Die ferne Liebe weckt größere Liebe. Wie waren doch die Erscheinungen des Auferstandenen so kurz, so plötzlich, so abgebrochen! Von Einigen wurde er kaum erkannt, als er schon wieder verschwand. So geschieht es noch. Wenn man ihn meint zu halten, so stiehlt er gleichsam seine Gnadengegenwart; verstohlen kommt er, verstohlen geht er wieder, und zu der Höhe, dahin er aufsteigt, können wir ihm, so lange wir noch im Fleische wallen, nicht gleichen Schrittes folgen. Aber wann er wiederkehrt, dann brennt unser Herz in uns, wie es den Jüngern brannte auf dem Wege nach Emmaus. Wie selig ist die Stunde, wo die Seele von seinem Feuerstrom durchflössen und geschmolzen wird! Wie weicht da alle Kälte, alle Härte, aller Starrsinn so plötzlich; wie wächst sie in der Liebe, wie eilt sie in der Sehnsucht, wie glänzt sie in der Wahrheit!

Geiler von Kaysersberg – Nächstenliebe

Nicht um Nutzen oder Gaben, nicht um Gesellschaft oder Vermögen sollst du deinen Nächsten lieben, wie die Juden und Heiden auch thun; sondern in Gott sollst du ihn ansehn, sollst bedenken, daß er von Gott geschaffen und nach ihm gebildet ist, daß er mit dir durch das schmerzliche Leiden und den bittern Tod Christi erlöset ist, und daß er mit dir auch das ewige Leben erlangen und besitzen soll. Liebst du so deinen Nächsten als dein Mitgeschöpf, als deinen Miterlösten und als deinen Miterben, dann erst hast du ihn lieb in christlicher Liebe.

Fulgentius – Gott ist die Liebe

Gott ist die Liebe, und der Vater und der Sohn kommen nur zu denen, die sie lieb haben, und werden von niemandem geliebet, als von denen, in welchen sie wohnen, denn Gott wird geliebt, wenn man Ihn hat, der Mensch fängt alsdann Gott zu lieben an, wenn er von Gott besucht wird.

Dionysius der Karthäuser – Liebe

Wie schon die sinnliche Liebe eine geliebte Person gern betrachtet, beständig an sie denkt, alle ihre Angelegenheiten, auch die kleinsten berücksichtigt und im Auge behält, getrennt von ihr sich sehnt und kümmert, vereint mit ihr immerdar fröhlich ist und keine Zeit zu lang findet; so verhält es sich auch mit der Seele, welche Gott wahrhaft liebt. Ueberall und immerdar gedenkt sie des Herrn und erfüllt buchstäblich den Ausspruch: Diese Worte sollst du zu Herzen nehmen und darüber nachdenken, magst du im Hause sitzen, oder auf der Straße gehen, magst du dich niederlegen oder aufstehen. Sie lenkt gern und oft ihren Blick auf die herrlichen Eigenschaften ihres Gottes hin. Bald versenkt sie sich in seine unaussprechliche Güte und Gnade, bald in seine unermeßliche Weisheit und Allmacht, bald in seine Gerechtigkeit und Ewigkeit, und die Betrachtung erregt ihr Verwunderung, und die Verwunderung immer größere Liebe und die Liebe immer neues Lob und neuen Dank.

Johann Heinrich Pestalozzi – Von der Liebe zu Gott und dem Nächsten

Die Liebe bestehet nicht in Einbildungen und Worten, sondern in der Kraft des Menschen, die Last der Erden zu tragen, ihr Elend zu mindern und ihren Jammer zu heben. Der Gott der Liebe hat die Liebe an die Ordnung der Erde gebunden, und wer für das, was er in der Welt sein soll, nicht in der Ordnung ist, der ist auch für die Liebe Gottes und des Nächsten in der Welt nicht in Ordnung. Wer immer nicht ist, was er sein soll, nicht kann, was seine Pflicht ist, und zu dem nicht taugt, was ihm obliegt, dem mangelt die erste Kraft der reinen Liebe Gottes und des Nächsten.

Jakob Gerhard Engels – Die Liebe höret nimmer auf

O, wenn wir in Wahrheit erlöst sind von dem eigenen Leben, von dem eigenen Ich, wenn die Liebe Gottes in unsere Herzen ausgegossen ist durch den Heiligen Geist, wenn die Liebe Christi uns dringet, und wenn wir in dieser Liebe untereinander verbunden sind, dann wissen wir, diese Liebe höret nimmer auf! O, meine Freunde, so manche meiner Lieben sind nicht mehr hier, sie sind gestorben, und es mag wohl auch bei dir so sein! Aber wenn ich an meine Lieben denke, deren Stätte leer geworden ist und in deren leibliches Angesicht ich nicht mehr sehen kann, ich meine, ich hätte sie noch lieber als früher, meine Liebe zu ihnen hätte noch zugenommen, wäre noch wärmer, inniger, reiner.

O, wie steht ihr Bild mir vor Augen! Da tritt bald der eine, bald der andere vor mein inneres Auge hin, — treue Zeugen der Wahrheit, die früher in Erweisung des Geistes und der Kraft das Evangelium gepredigt haben, oder liebe Angehörige, Gottes Kinder, die nicht mehr hier sind, — ihr Bild tritt vor mich hin, freilich nicht mehr in menschlicher Schwachheit, sondern in der Klarheit des Herrn. Wie fühlt man sich so innig mit ihnen verbunden, mit diesen lieben Gotteskindern, die nicht mehr hier auf Erden sind, die man früher gekannt und geliebt hat! Ja, die Liebe höret nimmer auf.

Und darin haben wir auch den ganz sicheren Beweis, daß wir uns Wiedersehen. Wenn die Liebe nimmer aufhört, dann muß sie die, die in dieser Liebe untereinander verbunden sind, wieder zusammenführen. Es kann nicht anders sein, trotz Trennung, trotz Tod, trotz Grab. Die Liebe höret nimmer auf.