Kierkegaard, Sören Aabye – Unbegrenzte Möglichkeiten

Kierkegaard, Sören Aabye – Unbegrenzte Möglichkeiten

Bei Gott ist alles möglich. Dies ist ewig wahr und also wahr in jedem Augenblick. Man sagt es so zum täglichen Gebrauch, aber die Entscheidung ist, wenn der Mensch bis zum Äußersten gebracht ist, so daß menschlich gesprochen keine Möglichkeit mehr ist. Da gilt es, ob er will glauben, daß für Gott alles möglich ist, also: ob er glauben will. Da siehst du, was glauben heißt: das Verstehen aufgeben, um Gott zu gewinnen. Denke dir einen Menschen, der mit dem ganzen Grauen einer erschreckten Einbildungskraft sich ein Schrecknis vorgestellt hat als unbedingt nicht auszuhalten. Nun begegnet es ihm, gerade dieses Schrecknis begegnet ihm. Menschlich gesehen ist sein Untergang das Allergewisseste. Alle Rettung ist das Unmöglichste von allem. Aber für Gott ist alles möglich! Dies ist der Kampf des Glaubens, der kämpft, wenn man so will, widersinnig für Möglichkeit. Denn Möglichkeit ist das eine Rettende. Wenn eins ohnmächtig wird, ruft man nach Wasser, Eau de Cologne, Hoffmannstropfen; aber wenn einer verzweifelt ist, dann heißt es: schaff Möglichkeit, schaff Möglichkeit. Möglichkeit ist das einzig Rettende. Eine Möglichkeit! Dann atmet der Verzweifelnde wieder, er lebt wieder auf; denn ohne Möglichkeit kann ein Mensch gleichsam nicht Luft bekommen. Und zuletzt, d.h. wenn es sich um das Glauben handelt, hilft nur dies, daß für Gott alles möglich ist.

So wird da gekämpft. Ob der Kämpfende untergehen wird, beruht einzig und allein darauf, ob er Möglichkeit herbeischaffen will, das ist, ob er glauben will. Und doch versteht er, daß menschlich gesprochen sein Untergang das Allergewisseste ist. Dies ist das unterscheidende Element beim Glauben.- Der Gläubige sieht seinen Untergang, aber er glaubt. Deshalb geht er nicht unter. Er stellt es ganz Gott anheim, wie ihm geholfen werden solle, aber er glaubt, daß für Gott alles möglich ist. Dann hilft ihm Gott auch, vielleicht, indem er ihn dem Schrecknis entgehen läßt, vielleicht, indem sich unerwartete, wunderbare göttliche Hilfe zeigt. Wunderbare! Dann ist es doch eine sonderbare Ziererei, das nur vor 1900 Jahren sollte Menschen wunderbar geholfen worden sein. Ob einem Menschen wunderbar geholfen wird, beruht wesentlich stark darauf, mit welcher Leidenschaft des Verstandes er verstanden hat, daß Hilfe menschlich unmöglich war, und dann darauf, wie redlich er gegen die Macht ist, die ihm doch half. Aber gewöhnlich tun die Menschen weder das eine noch das andere, und deshalb erleben sie auch nichts.

Die Kommentare sind geschlossen.