Bernhard von Clairvaux – Schöpfung der Seele

Die selige und heilige Dreieinigkeit, Vater, Sohn und Geist, schuf die menschliche Seele nach ihrem Bilde und Gleichniß, da sie ihr Gedächtniß, Vernunft und Willen und damit Macht, Weisheit und Reinheit gab. Allein von dieser höchsten und herrlichsten Dreiheit fiel die Seele in eine entgegengesetzte und häßliche: in Schwäche, Blindheit und Getrübtheit. Denn das Gedächtniß ward ohnmächtig, die Vernunft finster, der Wille unrein. Das Gedächtniß im Besondern, gleichsam auf Felsen herabstürzend, zerspaltete sich wiederum in die Dreiheit von leidenschaftlichen, beschwerlichen und müßigen Gedanken. Auch der Fall der Vernunft war ein dreifacher. Sie sollte unterscheiden zwischen gut und böse, Wahrheit und Irrthum, Vortheil und Schaden. In diesem Geschäft aber ist sie so erblindet, daß sie oft Böses für Gutes, Irrthum für Wahrheit, Schaden für Vortheil ansieht. Auch der Wille endlich, der mit dem höchsten Gute vereint und verbunden bleiben sollte, ging vermittelst der Augenlust, der Fleischeslust und des hoffärtigen Wesens ganz in die Liebe der Welt und des Irdischen ein.