Tersteegen, Gerhard – Stellung zu den Religionsparteien

Tersteegen, Gerhard – Stellung zu den Religionsparteien

. . . Ich glaube, daß eigentlich in den Augen Gottes nur zwo Parteien auf Erden seien, nämlich die Kinder der Welt, in welchen die Weltliebe herrschet, und dann die Kinder Gottes, in welche die Liebe Gottes ausgegossen ist durch den Heiligen Geist. Und daß Gott außer diesem auf allen andern Unterschied und Namen gar nicht achtet.
Ich glaube (und wollte Gott, daß mein Glaube in diesem Stück irrig wäre], daß unter allen und jeden Religionsparteien weit die mehresten, sowohl Prediger als Zuhörer, zu der Partei der Welt und des Antichristen gehören, obwohl auch Gott unter allen seine Verborgenen haben wird, die ich alle und jede herzlich liebe. Denn: Ich glaube und bin darin gewiß, daß sowohl in der Partei der Römisch-Katholischen als unter den Lutheranern, Reformierten, Mennoniten usw. und bei all den besonderen Meinungen und Gebräuchen dieser Parteien die Seelen, nicht weniger als unter den Separatisten, zu dem höchsten Gipfel der Heiligkeit und Vereinigung mit Gott und also auch zu dem Recht der Erstgeburt gelangen können.
Nichtsdestoweniger glaube ich auch, daß, wann einer in seinem Gewissen überzeuget wird, diese oder jene Kirchengebräuche seien wider Gott und ihm an seiner Seelen Heiligung hinderlich, er sodann verpflichtet sei, sich solcher Dinge zu enthalten, weil es ihm also zur Sünde sei; denn was nicht aus dem Glauben gehet, das ist Sünde.
Meine Person und Verhalten anlangend, so hange ich keiner Religionspartei sektiererischer Weise an, habe mich auch von keiner Partei förmlich separiert, bin auch noch nicht Sinnes, solches zu tun. Ich gehe zwar in keiner äußeren Kirche zum Abendmahl, weil ich mich vor diesem, aus Trieb meines Gewissens, enthalten muß und auch bis jetzt noch keine Ursache habe, warum ich mich wieder zu dessen Gebrauch wenden sollte. Sollte ich aber mit Gewißheit erkennen, daß Gott mehr durch mein Abendmahlgehen als durch mein Davonbleiben könnte verherrlichet und ich oder mein Nächster in Wahrheit erbauet werden, so würde ich mir im übrigen wenig Skrupel daraus mähen.
Wann ich Gelegenheit habe, einen frommen reformierten, lutherischen usw. Prediger zu hören, so gehe ich in die Kirche; und wann ich Gelegenheit hätte, einen frommen katholischen Prediger zu kennen (wie ich denn deren gekannt habe), so wollte ich wohl mit eben der Freiheit des Gemüts dessen Predigt anhören; es sei denn, daß ich mich dieser Freiheit, anderer Schwacher wegen, nicht bedienen wollte.
Und gleichwie unter allerlei Volk, wer Gott fürchtet und Recht tut, demselben angenehm ist, so ist er auch mir angenehm, er habe sonst dieses oder ein anderes Religionsröcklein an; und so gehe ich wirklich mit allerhand Religions- Verwandten um. Ich rede zu ihnen (wann’s Gott fügt) öffentlich und sonderlich von der Gnade Gottes in Christo, von der Verleugnung, vom Gebet, von der Liebe zu Gott und lasse ihnen dabei das ganze Gebäude ihrer besonderen Kirchen- Verfassung und Meinungen unangetastet stehen, solange es Gott stehen läßt.
Mit besonderen Meinungen halte ich mich wenig oder gar nicht auf, auch nicht mit den beliebten und berufenen Meinungen vieler Separatisten: von dem Fall des Antichristen, vom Tausendjährigen Reich, von der Läuterung, von der Wiederbringung und dergleichen. Mir selbst und aller Kreatur zu sterben, damit ich Gott leben möge in Christo Jesu, das ist mein ganzes Geheimnis des Glaubens. In andern Dingen bin ich dumm und hoffe, in dem Sinne immer dummer zu werden.
Kurz, ich bin kein Stürmer des äußeren Babels, sondern suche nur durch Gottes Gnade, wie Babel in mir und anderen Herzen zerstöret und Gottes Reich aufgerichtet werde, welches nicht ist Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.
Dieses eine, mein lieber Freund, bezeuge ich ihm noch zum Beschluß aus aufrichtiger Liebe, und ich weiß, daß ich die Wahrheit sage: daß nämlich sein Eifer wider Babel oder die sogenannten Sektierer nicht aus dem Geist Jesu, sondern meist sein eigenes, aus dem Geist des Verfalls angezündetes Naturfeuer sei, welches ihn zwar genug brennen, aber keinen Pfosten an Babel verbrennen wird; und daß er, nebst mir, nötig habe, durch beständiges Hungern nach der Gnade und Einkehren in die sanfte Liebe Jesu seine herben Naturkräfte besänftigen zu lassen, damit er auch seinen armen Nächsten mit einem gütigeren Aug‘ ansehen, tragen und umfassen könne. Sonst wird er gewiß, mein lieber Freund, es endlich noch bedauern, daß es seine edle Kraft, Ernst und Zeit nicht auf Nützlicheres angewandt hat. Gott gebe ihm und mir in diesem und allem übrigen Weisheit und Gnade!

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