Jakob Gerhard Engels – Freundlichkeit

Jakob Gerhard Engels – Freundlichkeit

Was ist Freundlichkeit? Freundlichkeit ist der Abglanz des inneren Herzensfriedens im Verkehr mit andern, im Liebes- und Friedensumgang mit dem Nächsten. Freundlichkeit ist gleich der Geduld nur dort zu finden, wo das lebendige Bewußtsein ist, daß man alles im reinen hat. Die Geduld ist die Erweisung des Friedens in den mancherlei Leiden des Lebens. Freundlichkeit ist der Abglanz dieses Friedens nach außen hin. Sie kommt jedermann zugute, zunächst allerdings unsern Hausgenossen und Angehörigen, mit denen wir ja am meisten zusammen sind; dann aber auch denen, mit denen wir in einem ferneren Verkehr stehen, den Nachbarn und allen, mit denen unser Lebensweg uns irgendwie zusammenführt.

Im Worte Gottes ist öfter von der Freundlichkeit die Rede. Ich erinnere jetzt an zwei Stellen. Die eine steht im Epheserbrief: „Seid untereinander freundlich, herzlich, und vergebet einer dem andern, gleichwie Gott euch vergeben hat in Christo!“ (Eph. 4, 32). Die andere Stelle im Kolosserbrief ist wohl noch bekannter: „So ziehet nun an als die Auserwählten Gottes, Heilige und Geliebte, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld!“ (Kol. 3, 12).

Diese liebliche Frucht des Geistes wirkt wie belebender Sonnenschein; besser kann ich sie nicht vergleichen. Das gilt freilich zunächst von der Freundlichkeit und Leutseligkeit unseres Heilandes. Sie ist der belebende Sonnenschein in diesem mühseligen Leben, und die Gläubigen erfahren neben dem heiligen Ernst des Herrn doch auch täglich von seiner großen Freundlichkeit und Liebe, die ihr Herz zum Loben und Preisen bringt.

Aber doch gilt es in zweiter Linie auch von menschlicher Freundlichkeit, daß sie wirkt wie Sonnenschein und erquickender Tau. Kürzlich sah ich diese Wirkung der Freundlichkeit noch an einem jungen Mädchen. Es lebte in einem unfreundlichen Hause. Kein freundlicher Blick, kein freundliches Wort, keine freundliche Hand. Man ließ sie es empfinden, daß ihre Anwesenheit eher lästig als willkommen sei, und daß es eine Gnade sei, daß sie im Hause aufgenommen sei. Und das Mädchen kränkelte in ihrem Gemüt dahin. Aber wie lebte es auf, als es in eine andere Umgebung kam, wo es freundliche Gesichter sah und nicht mehr das Gefühl hatte, daß es den andern eine beschwerliche Last sei! Ja, Freundlichkeit ist belebender Sonnenschein.

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