Anselm von Canterbury – Ewigkeit

Erhebe dich jetzt, meine Seele, und bedenke es, wie herrlich und wie groß jenes ewige Gut ist. Denn sind schon einzelne Güter so ergötzlich, wie ergötzlich muß jenes sein, das aller Güter Wonne in sich faßt, und ist das geschaffene Leben schön, wie schön muß das schaffende sein? Das kein Auge gesehen hat, und kein Ohr gehöret hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, hat Gott bereitet denen, die ihn lieben. Und warum zerstreuest du dich nun noch nach allen Seiten hin, um Güter des Leibes und der Seele zu suchen? Liebe das Eine Gut, in dem alle Güter beschlossen sind. Was willst du denn, mein Fleisch, was begehrst du, meine Seele? Dort ist ja, was du willst, dort ist ja, was du begehrst. Siehst du auf Schönheit? Die Gerechten werden leuchten, wie die Sonne, auf Schnelligkeit und Freiheit? Sie sind wie die Engel Gottes. Wünschest du dir ein langes und gesundes Leben? Dort ist eine gesunde Ewigkeit und eine ewige Gesundheit; denn die Gerechten werden ewiglich leben und der Herr ist ihr Heil. Willst du Sättigung? Sie werden satt werden, wenn sie erwachen nach seinem Bilde. Verlangst du nach Rausch? Sie werden trunken von den reichen Gütern des Hauses Gottes. Hörst du Gesänge gern? Dort singen die Engel dem Herrn ein neues Lied. Willst du ein reines Vergnügen? Mit Wollust tränket sie der Herr als mit einem Strome. Erfreuet dich Ehre und Reichthum? Gott wird seine frommen und getreuen Knechte über viel setzen, sie werden Kinder Gottes und Miterben Christi sein. Ja dort ist Alles, was du Hohes und Schönes denken magst: Weisheit, Freundschaft, Eintracht, Macht und Sicherheit. Du menschliches, bedürftiges Herz, Herz voller Sorgen und Kümmernisse, wie würdest du dich freuen, wenn du an allen diesen Dingen Ueberfluß hättest! Frage dein Innerstes, ob es die Freude über ein so großes Glück fassen kann. Aber wenn nun ein Anderer, den du wie dich selber liebst, dieselbe Seligkeit genießt, so muß sich deine Freude verdoppeln; und wenn nun zwei, drei oder Viele dieselbe empfinden, so mußt du die Freude aller dieser mitfühlen. Wie mag es nun sein in jener vollkommenen Liebe unzählbarer Engel und Menschen, wo Keiner den Anderen weniger liebt, als sich selber!