Nikolaus von Zinzendorf – Jesus kennen

Ach, liebe Freunde, bildet euch nicht ein, dass wir Jesum kennen; wir fangen an, Ihn zu kennen, wenn wir Ihn erst recht zärtlich und über alle Dinge lieb gehabt haben, wenn uns in der Welt nichts mehr neben Ihm steht, wenn wir uns selbst, unsere Gesundheit, Leben, Hab und Gut, unser Vergnügen (denn von Ansehen in der Welt ist gar keine Rede), wenn wir uns selbst mit Leib und Leben aus Liebe gegen Ihn vergessen; aus Liebe zu Ihm uns gram sein können zu gewissen Zeiten, so sage ich, ist ein kleiner Anfang seiner Erkenntnis Schuld daran, es kommt daher, weil wir erkennen, dass Er sein Leben für uns gelassen hat. Und unser ganzes Leben besteht im Zunehmen oder Wachsen in dieser Erkenntnis, dass wir Ihn heute besser kennen als gestern, in einem Jahre um ein Jahr besser, in zwanzig Jahren um zwanzig besser, und in der Ewigkeit um eine Ewigkeit besser, als jetzt. Das ist die große Wissenschaft, die unerschöpfliche Erkenntnis; in Ihm, in seiner Person liegt ein Schatz von Weisheit und Erkenntnis verborgen, der nicht auszugründen und auszuleeren ist.

Nikolaus von Zinzendorf – Falsche Lehrer

Wenn ein Lehrer predigt, und er hat nichts im Herzen, so ist’s weder gehauen noch gestochen, es fehlt die sola (Matth. 9, 27.) Der Mann redet nicht als einer der’s versteht, der da zu Hause ist, sondern er beschreibt, so zu reden, einen runden Turm viereckig, er verrät durch seine Beschreibung, dass er an dem Ort nicht gewesen, davon er redet. Wenn aber einer so bestimmt, überzeugend, gründlich und wahrhaftig redet von einer Sache, die er nicht erfahren hat; da ist er ein Prophet wie Kaiphas, da ist er entweder in einem außerordentlichen Zustand für diesmal, oder für allemal als eine außerordentliche Person anzusehen, als ein besonderer Knecht, dessen sich Gott außerordentlich bedient, zu einem gewissen Zweck, und man muss um deswillen Achtung für ihn haben, die sein innerer Zustand mit sich bringt.

Nikolaus von Zinzendorf – Die eifrigen Lehrer

Die eifrigen Lehrer machen den Irrtum zum Kennzeichen eines Verdammten, und das Bekenntnis dieser oder jener Wahrheit zum Kennzeichen eines seligen Menschen. Man disputiert ihnen ihre Wahrheit nicht, aber ihre Schlüsse; die eine: wer das nicht so und so fasst, der kann nicht selig werden; die andere: wer sich von dem oder jenem Begriff Meister macht, der wird selig. Nun ist es wohl wahr, dass es gar keine wahre Erkenntnis gibt, ohne zugleich selig zu sein. Deswegen glaube ich aber nicht, wenn einer dies oder jenes nicht weiß, so wird er verdammt, oder wenn er dies weiß, so ist er selig; denn es gibt Lente, die Einsichten in Wahrheiten haben, und doch nicht selig sind, so kann man also nicht im Allgemeinen sagen, dass die Erkenntnis selig macht. Darum sagt der Apostel, wenn ich ein Prophet wäre und hätte alle Erkenntnis rc. 1 Kor. 13. Es kann also Jemand ein Seher, ein außerordentlicher Knecht Gottes sein, dessen Worten man zuhören muss, dessen Vorträge solide sind, und er ist doch für sich nicht selig. Wenn er sein Prophetenamt und Gabe in Hochmut führet, und sich dessen bedient zum Brillieren (Glänzen) unter dem menschlichen Geschlecht, um für etwas gehalten, geehrt und andern Nebenkreaturen vorgezogen zu werden und hat Lust daran, so kann er in der Hauptsache leer ausgehen, und wenn er auch mit Engelszungen redete, doch nichts als eine tönende Glocke sein, von einem eigenen oder fremden, ihm selbst unbekannten, Geist getrieben, aber nicht voll heiligen Geistes innerlich im Herzen.

Nikolaus von Zinzendorf – Der Glaube ist keine Kunst

Der Glaube ist gar keine Kunst, sondern der erste Anfang des Glaubens ist Not. Niemand als einer, der den Geist des Luzifers, einen satanischen Hochmut und Blindheit hat, dass er sein leibliches und geistiges Elend nicht sehen will denn das ist Satans Geist und Satans Stolz hat Gefahr hinter den Notglauben wegzukommen. Denn wenn ein Mensch bloß allein menschlich hochmütig und eigenliebig ist, endlich doch den Faden seines Grundverderbens und Elendes in sich selbst findet, und seine Entschuldigungen hören auf, so fängt er an sich selbst zu schelten, sich selbst zu verdammen; und sobald er das tut, sobald er sich selbst für verloren erkennt, so wird ihm von selbst Angst, er darf sich nicht Angst machen, darf sich keine Not einbilden. Und wenn ihm die Angst bleibt und zunimmt, und mengt sich in alle seine Geschäfte, und er muss um Hilfe rufen, da ist er im Glauben, im Notglauben, im seligmachenden Glauben, und weiß selbst nicht wie er hineingeraten ist; ich glaub’s gern, denn ich hab’s gern.\\
So leicht ist es selig zu werden; so ohne alle Entschuldigung bleiben die, die aus Unglauben verloren gehen.

Nikolaus von Zinzendorf – Menschen bekehren

Ich kann mich nicht genug wundern über die Blindheit und Unwissenheit der Leute, die mit dem göttlichen Worte umgehen, und die Menschen bekehren sollen, Juden oder Heiden, oder die ungeratenen Christianer, die so blind sind, als die Juden und Heiden, dass sie denken, wenn sie den Katechismus auswendig lernen lassen, oder wenn’s hoch kommt, ihnen allerlei ausgedachte Beweise vormachen, und ihnen dadurch die Wahrheiten in ihren Verstand eintrichtern, das sei das beste Mittel zu ihrer Bekehrung, und das ist doch so ein verkehrter Weg, als ob man mit aufgezogenem Segel gegen Wind und Strom angehen wollte.
Denn dasselbe Wissen der göttlichen Dinge, das man für Glauben hält, bläht auf, da kommt nichts heraus, und wenn man das Alles zusammen hat, sagt Paulus, und hat die Liebe nicht dazu, und wenn man auch andern davon predigen kann, so ist das nichts anders, als wenn eine Glocke in die Kirche läutet. So wenig die davon hat, so wenig der’s was hilft, dass sie da hängt und klingt, eben so wenig hilfts einem Lehrer zu seiner eigenen Seligkeit, dass er die stärksten Beweise macht.

Nikolaus von Zinzendorf – Der Glaube ist ein göttliches Werk

Der Glaube ist ein göttliches Werk in uns, das uns umwandelt und neu schafft, und ganz andere Menschen aus uns macht, nach Herz, Mut, Sinn und allen Kräften. Wenn das in uns werden soll, so muss Not da sein, eher hat man kein Ohr zu dem Glauben. Wenn wir arm werden, wenn wir sehen, wir haben keinen Helfer, wenn wir unseres Elendes handgreiflich gewahr werden, unser Verderben sehen an allen Ecken, da geht’s dann wie mit einem Kranken, mit dem es auf das Äußerste gekommen ist, dass er sich nach Hilfe umsieht.

Nikolaus von Zinzendorf – Glauben

Es ist mit dem Glauben nicht wie mit andern Sachen, die man lernen muss. Er muss mit innigem Flehen erbeten sein. Ohne Gottes Wort kann man zwar nicht glauben (denn er kommt, wie Paulus sagt, durchs Hören des Wortes Gottes), aber das Meiste kommt doch auf den heiligen Geist an, dass er das Wort vom Kreuz Jesu, von der Erlösung durch sein Blut, in dem Herzen aufschließe und lebendig mache.
Das Ausgießen der Liebe Gottes durch den heiligen Geist, das ist die Empfindung, Gewissheit, der Genuss und die Erfahrung der Liebe Gottes in unserer Seele, und zwar des äußersten Liebesbeweises Gottes in seinem Sohne und dessen Menschwerdung und Erlösung durch sein Leiden und Sterben, das ist eigentlich der rechte Glaube der Christen, und ihr Leitstern in Lehr und Leben.

Nikolaus von Zinzendorf – An JEsus Glauben

Welchen ihr nicht gesehen und doch lieb habt und an Ihn glaubt. 1. Petr. 1,18. In vielen Stellen der Schrift wird der Glaube die Liebe genannt. Auch schon im alten Testament, denn als Gott den Abraham loben will, dass er ihm gefolgt und geglaubt (denn das sagt Paulus: Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden,) so sagt Gott zu ihm: Nun weiß ich, dass du Gott lieb hast. Dies ist wohl zu merken, denn das ganze dreizehnte Kapitel 1. Korinther würde sonst ein unverständlich Kapitel sein, wo Paulus so ausdrücklich sagt: Wenn einer auch glaubt, so wird er doch nicht selig, wenn er nicht lieb hat.
Nun sagt der Heiland geradezu: Wer glaubt, der soll selig werden; und Paulus spricht gleichwohl, wenn einer auch glaubt, so wird er doch nicht selig, wenn er nicht lieb hat.
Daher ist ganz klar, dass die heilige Schrift uns darauf weisen will, dass es keinen seligmachenden Glauben gibt, der nicht zugleich Liebe ist zu dem, der sein Leben für uns gelassen hat, ohne den wir keinen Augenblick leben oder bestehen können.

Nikolaus von Zinzendorf – Jesu Wunden

Man erzählt von dem Bischofe Martinus, dass ihm der Satan in der Figur des Heilands erschienen sei, aber in der Form eines majestätischen Königs mit einer himmlischen Glorie umgeben, und dass er zu ihm gesagt habe: Martin, du siehst, wie lieb ich dich habe, und für was für einen wichtigen Knecht ich dich halte, dass ich dir vor allen andern Menschen erscheine. Darauf habe Martinus geantwortet: Bist du Christus? Wo hast du deine Wunden? Darauf habe es geheißen: er komme nicht als ein Verwundeter zu ihm, nicht vom Kreuz her, sondern vom Himmel herab rc., dann hätte Martinus zum ihm gesagt: du bist der Teufel; den Heiland, der ohne Wunden ist, der das Zeichen seines Leidens nicht hat, den erkenne ich nicht.
Das Gleichnis ist schön, und wenn die Geschichte wahr ist, so muss es so gegangen sein. Denn der Heiland ist in Ewigkeit nicht ohne seine Zeichen, ohne seine Wunden. Nach seiner Auferstehung, da er schon durch die Wände ging, da zeigte Er seine Hände und seine Seite, da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.